Frauen-Kultur-Archiv

Exilautorinnen ab 1933

Irmgard Keun Exilautorin 1936-40

Irmgard Keun vor dem Exil, einige Eckpunkte ihrer Entwicklung

Februar 1905 geboren in Berlin-Charlottenburg; der Vater ist Kaufmann. 1913 Umzug der Familie nach Köln; der Vater wird Teilhaber der Kölner Benzin-Raffinerie GmbH 1921 Abschluss des Lyzeums; Besuch einer Sprachenschule folgte und Unterricht in Stenographie und Schreibmaschine bis 1923; anschließend verschiedene Bürotätigkeiten.
1925-27 Besuch der Schauspielschule in Köln; Begegnung mit dem Schriftsteller und Regisseur am Kölner Stadttheater Johannes Tralow, den sie im Oktober 1932 heiratet. 1927 – 1929 Engagements an verschiedenen Theatern, aber sie erlebt keinen künstlerischen ‚Durchbruch’. Daher kehrt sie 1929 zurück nach Köln und beginnt mit dem literarischen Schreiben; sie ist als Bürokraft im väterlichen Betrieb tätig.

10/1931 Der erste Roman „Gilgi, eine von uns“ erscheint und wird ein sensationeller Erfolg. Im Frühjahr 1932 kommt „Das kunstseidene Mädchen“ auf den Buchmarkt, der Erfolg übertrifft den von „Gilgi“. Beide sind Großstadtromane im Stil der Neuen Sachlichkeit. Im Zentrum steht die „Neue Frau“, selbstbewusst, erotisch-attraktiv und emanzipiert, die ihr Glück in der Großstadt sucht, sowohl beruflich, finanziell als auch sexuell.

Leben in Nazi-Deutschland 1933-36

„… mich macht das gottverfluchte Regime krank … die Luft ist vergiftet … man wagt nicht mehr zu atmen, geschweige denn zu denken.“ (Brief Irmgard Keuns an Martin Beradt, 1. April 1933, Tag des ersten Judenboykotts). Das kunstseidene Mädchen“ stand bereits im Frühjahr 1933 auf den Vorläuferlisten der „Schwarzen Listen“, den Listen zur „Säuberung der Volksbüchereien“ und wurde im August 1933 beschlagnahmt und vernichtet. Gilgi“ wurde ebenfalls indiziert und galt nun als „Asphaltliteratur mit antideutscher Tendenz“. In den Jahren 1934-35 publiziert sie ohne Genehmigung in Feuilletons deutscher Zeitungen und Zeitschriften. Der Ehemann Johannes Tralow agierte regimekonform und nahm die Intendanz des deutschen Theaters in Frankfurt an.
Um weiter publizieren zu können, beantragte Irmgard Keun im Januar 1936 die Aufnahme in die Reichsschrifttumskammer. Da sie die Umarbeitungsauflagen für ihren neuen Roman „Der hungrige Ernährer“ nicht akzeptierte, wurde ihre Aufnahme im April abgelehnt. Umgehend unterzeichnete sie am 11. April einen Vertrag mit der Exilabteilung des niederländischen Verlags Allert de Lange.

Exiljahre 1936 – 1940

„Ich verreiste nicht, ich wanderte aus, und ich war keineswegs sicher, daß ich noch einmal wiedersehen würde, was ich verließ. Gewiß eines Tages würde es keinen Nationalsozialismus mehr in Deutschland geben. Aber wie viele böse Jahre der Ewigkeit würden bis dahin vergehen?
Als der Zug über die Grenze gefahren war, da lag hinter mir ein Land und vor mir die Welt. Und hinter mir lagen Elternhaus und Ehe, vertraute Sprache und vertrauter Boden. Je ferner das alles wurde, umso mehr konnte ich es lieben, während der erste Hauch der Fremde mich mit schwermütiger Freude erfüllte.“ („Bilder aus der Emigration“, 1947. In: Irmgard Keun: „Wenn wir alle gut wären“, hrsg. von Wilhelm Unger. München 1993, S. 107.)

Am 4. Mai 1936 trifft Irmgard Keun allein im belgischen Nordseebad Ostende ein und findet Anschluss an einen Kreis exilierter Autoren; den Mittelpunkt bildet Joseph Roth, mit dem sie eine Liebesziehung eingeht.

 

 Hermann Kesten, Literaturagent des Allert de Lange Verlags, über die 1. Begegnung mit Irmgard Keun im Exil
„Im Sommer 1936 schrieb mir mein Freund Walter Landauer, der Direktor der deutschen Verlagsabteilung von Allert de Lange, Irmgard Keun sei im Hotel Métropole zu Brüssel einge­troffen. Ich wohnte damals gerade in Brüssel (…) und eilte ins Hotel Métropole, neugierig auf Frau Keun und ihre Erzählungen aus Deutschland. (…) In der Halle des Hotels Métropole fand ich ein hübsches junges Mädchen, blond und blauäugig, in einer weißen Bluse, das lieb lächelte und wie ein Fräulein aussah, mit dem man gleich tanzen gehen möchte.

Aber wir saßen noch nicht am Tisch, bei einer Tasse Kaffee und einem Glas Wein, da sprach sie schon von Deutschland, mit blitzenden Augen und roten, witzigen Lippen. Mit vorsichtig gesenkter Stimme und gewaltsamem, lachendem Zorn erzählte sie von den tausend täglichen Tollheiten unserer guten Mitbürger, die zu Narren und Sklaven wurden, in jeder Stunde, freiwillig und unfreiwillig. Ohne es zu merken, wurden sie umgeschmolzen zu Bleisoldaten und Diktaturschemen. (…)

Irmgard Keun erzählte das ganze tägliche Leben in seiner absurden Komik, pausenlos wie die Sprecher in ihren Ich-Romanen, aber nicht so naiv wie diese. In ihre atemlosen Geschichten mischte sie hundert Anekdoten, Witze und Beobachtungen. (…) Irmgard Keun erzählte den ganzen Abend und die halbe Nacht. (…) Sie erzählte vom neuen exotischen Germanien mit vorsichtig gesenkter Stimme und in tollkühnen Wendungen und Bildern. Ihre weiße seidene Bluse und ihre blonden Haare flatterten wie in einem wilden Wind, ihre Augen und Hände schienen mitzusprechen, und es sprachen ihr Verstand und ihr Herz. Sie war naiv und brillant, witzig und verzweifelt, volkstümlich und feurig und kein Fräulein mehr, mit dem man tanzen gehen wollte, sondern eine Tochter, die sich ihrer Väter und Brüder schämt, eine Prophetin, die anklagt, ein Prediger, der schilt, ein politischer Mensch, der eine ganze Zivilisation verschläm­men sah. Alles an ihr sprach und lachte und höhnte und trauerte. Sie war ganz Schmerz, ganz Empörung, ganz Leidenschaft, ganz Humor.“
(Hermann Kesten: „Meine Freunde, die Poeten“. Frankfurt/M, Berlin, Wien 1980, S. 237f.)

Leben und Schreiben in Ostende

„Später, als noch mehr Kollegen nach Ostende kamen, hatte jeder ein bestimmtes Café, in dem er an einem stets gleichen Tisch eine Art Dauer-Büro errichtete. Man besuchte einander in den Büros, und besonders gern ließ Kesten sich besuchen, um sich mit heiterem Schwung in ein literarisches Gespräch zu stürzen.“

„Roth und ich zum Beispiel waren bald daran gewöhnt, uns immer auf irgend etwas zu verlassen, womit wir gar nicht rechnen konnten. Es kam dann auch immer wieder von irgendwoher Geld – vom Verlag, von einer Zeitung, oder durch Auslandsübersetzungen. Richtige Not haben wir nicht gelitten und auch nicht gehungert, damals jedenfalls noch nicht.

Peinliche Momente der Geldverlegenheit gab es dauernd. Da war zum Beispiel das Visum abgelaufen, man mußte in ein anderes Land reisen, möglichst im teuren Pullmanzug, weil man da noch am ehesten der Paßkontrolle entgehen konnte. Die Hotelrechnung mußte bezahlt werden. Geld vom Verlag war erst wieder zu erwarten, wenn man genügend Manuskriptseiten eingeschickt hatte. Man hatte aber nicht genügend Manuskriptseiten. Bei einer Arbeit mit Siedehitze konnte man allenfalls in vierzehn Tagen soweit sein. Das Geld aber brauchte man in spätestens drei Tagen.
Es ist mir jetzt noch manchmal schleierhaft, wie es uns immer wieder gelang, uns aus allen drohenden Schwierigkeiten herauszuwinden. Jedenfalls wurden mir nach und nach die Pfandleihen fast aller europäischen Länder so vertraut wie ihre Bahnhöfe und Gasthäuser.“ („Bilder aus der Emigration“, 1947. In: Irmgard Keun: „Wenn wir alle gut wären“, hrsg. von Wilhelm Unger. München 1993, S. 116, 118f.)

 

1.   Roman aus dem Exil: „Nach Mitternacht“ – Abrechnung mit Nazi-Deutschland

Trotz des geschlossenen Vertrags mit der Autorin, verweigerte der Verlag Allert de Lange im November 1936 die Publikation von „Nach Mitternacht“, da das Buch politisch zu brisant erschien. Der niederländische Verlag befürchtete Repressionen für diese Produktion in Deutschland. Der Roman konnte 1937 beim Querido Verlag in Amsterdam erscheinen, der aus Solidarität politisch-exponierte deutsche Exilautoren druckte.
In diesem Roman, den Irmgard Keun in Deutschland konzipierte, zeichnet sie ein kritisch-ironisches Bild der Hitler-Herrschaft. Durch das eigene Erleben der ersten drei Herrschaftsjahre Hitlers gelingt es ihr, den alltäglichen Faschismus auf sehr plastische Weise darzustellen. So urteilte der Exilforscher Hans-Albert Walter über diesen Roman:
„Nicht Thomas Mann und Heinrich Mann, nicht Ernst Toller und nicht Walter Hasenclever, nicht Johannes R. Becher schrieben den großen Roman mit der besten psychologischen Deutung des kleinen Mannes im NS-Staat. Es war Irmgard Keun mit ihrem Buch Nach Mitternacht“.

1938 Nach der Trennung von Joseph Roth erscheint im April der Roman „D-Zug 3. Klasse“ über eine 12-stündige Reise nach Paris von 7 Personen, die zufällig in einem Zugabteil zusammentreffen. Keine der Figuren verlässt Deutschland aus politischen Gründen. Die Autorin verschenkt unter Exilaspekten das Thema, indem sie sich beschränkt auf eine Parabel über das Reisen in ein anderes Land als Möglichkeit des Neubeginns.

In „Kind aller Länder“, 1937/38 geschrieben und im Herbst 1938 veröffentlicht, beschreibt die Autorin das Exilleben einer Schriftstellerfamilie, die von Geldsorgen getrieben, von einem Land in das nächste reist, immer in der Hoffnung, im neuen Exilland vielleicht Fuß fassen zu können. Aus der Perspektive eines 10jährigen Mädchen geschrieben, eröffnet der Text eigenwillige Einblicke in diese aufgezwungene Existenzform, indem er komische, ironische, groteske, paradoxe und tragische Momente des Überlebens in der Fremde mischt. Ungeachtet der Einbeziehung vieler Elemente des aktuellen Zeitgeschehens ist der Roman eine zeitlose Schilderung des Lebens im Exil in seinem Ausgeliefertsein, in seiner Abhängigkeit vom Geduldet-Werden durch die Gastländer: „Für Emigranten sind alle Länder gefährlich, viele Minister halten Reden gegen uns und niemand will uns haben“.

 

1940  Rückkehr nach Deutschland und Schweigen

Von Ostende zog Irmgard Keun nach Amsterdam, wo sie im Mai 1940 den Einmarsch der Deutschen erlebte. Mit einem falschen Pass, den ihr ein Offizier besorgt hatte, kehrte sie im Sommer illegal nach Deutschland zurück. Eine Meldung in der englischen Presse im August 1940 über ihren Selbstmord, die in der deutschen Presse aufgegriffen wurde, ermöglichte es ihr, unbehelligt wechselnd in Köln im Elternhaus und in Cochem als „Charlotte Tralow“ zu überleben. „Die ersten beiden Jahre waren am schlimmsten. Mir war alles dermaßen ekelhaft, daß ich schon gar nicht mehr vorsichtig war. Ich sauste kreuz und quer durch Deutschland. Menschen, mit denen ich mich rückhaltlos hätte verständigen können, fand ich nicht. Manche schimpften wohl auf Hitler, aber siegen wollten sie doch, und fast alle waren besoffen von den Sondermeldungen und Fanfaren und Liedern und Beutewaren. Tröstlich waren meine Eltern, die unbeirrbar zu mir hielten. Später hatte ich dann eigentlich nur noch mit Ausländern zu tun. Etwas erträglicher wurde alles erst, als die Bombenangriffe schwerer wurden“, so schrieb sie in einem Brief am 10. Oktober 1946 an Hermann Kesten (in: Irmgard Keun: „Wenn wir alle gut wären“, hrsg. von Wilhelm Unger. München 1993, S. 138f.).

Auf der Jahresliste des verbotenen und unerwünschten Schrifttums stand 1941: „Tralow, Irmgard: sämtliche Schriften“. Die Autorin konnte wieder nur noch für die Schublade schreiben.

Erste Publikationen von Glossen und kleineren Beiträgen erfolgten nach Kriegsende 1947 in Zeitschriften und Zeitungen. Der neue satirische Roman über die Nachkriegszeit als Zeit des Verdrängens und der kollektiven Selbstlüge der Deutschen: „Ferdinand, der Mann mit dem freundlichen Herzen“ erschien 1950 und wurde verständlicher Weise kein Erfolg.

Obwohl einige ihrer Romane von Verlagen im Laufe der Jahre wieder aufgelegt wurden, wurde eine nachhaltige Wiederentdeckung der Autorin erst 1977 durch Jürgen Serkes Beitrag über sie im Rahmen der Serie im „Stern“: „Die verbrannten Dichter“ eingeleitet. Den späten Ruhm konnte sie nur fünf Jahre genießen, sie starb am 5. Mai 1982.

Text: Ariane Neuhaus-Koch