Frauen-Kultur-Archiv

Gedenken an engagierte Frauen Düsseldorfs
Gedenken Marianne Tilch

Gedenkworte von Professor Dr. Joseph A. Kruse, Berlin

vorm. Direktor des Heine-Instituts Düsseldorf, im August 2014

Von großer Zuverlässigkeit in einer nicht eben mit allzu sicheren Versorgungsstellen ausgestatteten Editionsphilologie kündete die Lebensweise von Marianne Tilch im Rahmen ihrer Tätigkeit innerhalb der Heine-Ausgabe, als deren gewissermaßen dem noch so unleserlichen Buchstaben verpflichtete Sachwalterin ich sie kennenlernte. Mit ihrer besonderen Funktion wie Wertschätzung trieb sie freilich keinerlei kapriziösen Aufwand. So geradeaus ruhig und unkompliziert erschien sie mir damals, der ich ihr gewissermaßen „dienstlicher“ Nachbar im Heine-Institut war und ihr zunächst zwar regelmäßig, aber nicht andauernd begegnete.

Ihrem auf Zeit angelegtem editorischen Erscheinungsbild samt seiner überzeugenden Art und Weise war allerdings in der unaufgeregten Ruhe durchaus auch die Sicherheit einer pragmatischen Zukunft beigemischt. Sie hatte einerseits im Unterschied zu vielen anderen akademischen Kräften bereits ein Berufsleben als Buchhändlerin hinter sich und wusste darüber hinaus, dass ihr nach getanem erstem, perfekt ausgeführtem Streich in der Düsseldorfer Ausgabe eine Anbindung an das Heine-Institut offenstand. Das war ihr als Laufbahn mit zu ihr passenden Pflichten wie eine Hülle aus Begabung und Zufriedenheit mehr als ausreichend. Jegliche akademische Attitüde oder auf Publikationen sich kaprizierende Verhaltensweise lehnte sie ab.

Das heißt mit anderen Worten und in ihrem speziellen Fall: Man muss den Gegenstand, an dem man arbeitet, nicht nur irgendwie mögen und beherrschen, nein, man muss ihn ganz um seinetwillen geradezu lieben, dabei aber sein praktisches Augenmaß behalten. Sie bildete also für mich als anfänglichen Beobachter, der gleichzeitig ideell wie in den technischen Vorgaben an der Düsseldorfer Heine-Ausgabe beteiligt war, ein besonders verlässliches Exempel mit dem festen Bewusstsein, dass einfach Ordnung in das Ganze zu bringen sei, auch wenn es seine Zeit brauchen würde. Sie gab sich dieser Aufgabe, für die sie gewissermaßen den dienend notwendigsten Posten innehatte, aber gleichwohl eine ausgewogene Mitte bildete, mit Haut und Haaren hin. Besaß sie überhaupt ein Leben außerhalb ihrer ruhig-konsequenten Beschäftigung für den Apparat der Ausgabe? Durchaus. Aber all solche emotionale Anhänglichkeit war sozusagen integriert in die einmal übernommene Pflicht, für den Autor Heine das zu leisten, was in der Literaturwissenschaft für andere längst erledigt war.

Und integriert in das archivarische Leben des Heine-Instituts war sie von vornherein und allemal, also weit vor dem offiziellen Eintritt in ihr Amt als Nachfolgerin der Archivarin des Instituts. Ihr Austausch nämlich mit Inge Hermstrüwer, der ebenfalls unvergesslichen Mitarbeiterin, die dem Archiv des Heine-Instituts, zumal den Heine-Beständen, der Schumann-Sammlung und den Teilen vom Barock bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts, einen so lebendigen Anteil in der historischen Landschaft der rheinisch-bergischen Region durch ihre Hilfsbereitschaft und beispielsweise museale Bemühungen bis in die weite Welt hinein zu verschaffen wusste, war gewissermaßen sprichwörtlich, will sagen: symbiotisch.

Mittags nahmen sie in regelmäßigen Abständen zusammen ihr Essen ein. Auch wenn es vielleicht länger dauern mochte, als die eigentliche Pause es erlaubt hätte: Beide Frauen waren sowieso über den Zeitrahmen hinaus für ihren Beruf unermüdlich im Einsatz. Und auch die gemeinsame Mittagspause gehörte zu ihren anregenden Pflichten. Auch Inge Hermstrüwer hatte anfangs, als ich sie, selber im Rahmen der Arbeitsstelle tätig, kennenlernte, für die Heine-Ausgabe gearbeitet, und zwar in der Gruppe der die zeitgenössische Zeitschriftenlandschaft durchackernden hilfreichen Geister. Sie kannte sich also im literarischen Betrieb des 19. Jahrhunderts aus. Danach hatte sie im Rahmen des Bestandes des neu sich konstituierenden Heine-Instituts zumal das Heine-Archiv und dessen direkte Umgebung übernommen und sich zur verantwortungsvollen Begleiterin der frühen Anfänge entwickelt. Sie gehörte zu meinen Stützen von Beginn an.

Als die Heine-Ausgabe an ihr Ende gelangte, kam Marianne Tilch für einige Zeit der Eingewöhnung zu ihrer treuen Gefährtin, die dann ihrerseits bald aus Altersgründen ausschied, in das Heine-Archiv selbst. Der Abschiedsschmerz vom gewohnten Umfeld war für die alte Archivarin nur schwer zu verkraften. Die neue Arbeitsnähe und der tägliche Austausch über die Personen wie Heine und Schumann an den nicht mehr als Benutzerin, sondern als Betreuerin zu bearbeitenden Handschriften und Objekten führte zwischen den beiden Freundinnen unmerklich zu kleinen Spannungen, die besonders dem völlig neutralen, wenn nicht distanzierten Standpunkt Marianne Tilchs, was die beiden Schumanns anging, entsprangen. In manchen Urteilen und Bemerkungen konnte Marianne Tilch nämlich besonders schroff erscheinen und somit ihre Vorgängerin und deren anteilnehmenden Mann brüskieren. Gerade in Archiven mag es manchmal zugehen wie im familiären Generationengefüge mit seinen sich wandelnden Ansichten.

Inge Hermstrüwer betreute zum Glück nach ihrem Abschied vom Institut noch eine Heine-Ausstellung in London, was angesichts ihrer geschwächten Gesundheit enorm viel Aufwand und Kraft bedeutete. Bei diesen Aufgaben stand Marianne Tilch ihr durchaus solidarisch und freundschaftlich zur Seite. Gerade ihre neue Archiv-Stellung mit zum Teil anderen Aufgaben, darunter die umsichtige Redaktion des „Heine-Jahrbuches“, verlieh dem Heine-Archiv nach und nach ein weniger emotionales, dafür gewissermaßen aufgeklärtes Gesicht. Was Inge Hermstrüwer vor allem mit dem Herzen gemacht hatte, leistete Marianne Tilch nunmehr vor allem mit dem Verstand oder sagen wir besser: vernünftig. Beide Annäherungen an das kulturelle Erbe haben, wenn sich nur die richtige Mitte zwischen den Kräften ergibt, ihre volle Berechtigung.

Auf Marianne Tilch konnte ich mich während unserer gesamten gemeinsamen dienstlichen Zeit verlassen wie auf einen ruhenden Pol oder Felsen in der Brandung. Sie begegnete mir als Leiter respektvoll, aber ohne jegliches rheinische Gedöns. Ich erfreute mich ihres Vertrauens und ihrer sachlichen Ratschläge. Nie verließ ein Manuskript von mir das Haus, bevor sie nicht einen Blick darauf geworfen und ihre Korrekturen angebracht hätte. Ihrem Urteil habe ich viel zu verdanken, ihre stille, aber bestimmte Art immer geschätzt. Wie sie ihre ganz spezielle tödliche Krankheit annahm, die übrigens vorher von ihrer Vorgängerin ebenfalls durchlitten worden war, ist bewundernswert. Ihre Kraft und Gelassenheit blieben ihr bis zuletzt.

Da wir uns nach dem Ende der Dienstzeit und durch meinen Wegzug nach Berlin trotz gemeinsamer Arbeitspläne nur noch selten sahen, warnte sie mich nach rechtzeitiger schriftlicher Aufkündigung ihrer Beschäftigung am gemeinsamen Projekt vor meinem möglichen Erschrecken beim nächsten Wiedersehen. Sie sei nur noch die Hälfte von früher. Sie nahm es hin und war tapfer, ja, sie stellte sich einfach mit Namen neu vor, damit ich mich an ihre körperliche Reduktion gewöhnen konnte. Wenige Tage vor ihrem Tod hatte ich noch einmal die Gelegenheit, mit ihr im Hospiz zu telefonieren. Ihre kräftige Stimme, ihre abgeklärte Bewusstheit klingen mir noch heute im Ohr. Wir nahmen voneinander Abschied ohne es so zu nennen: gefasst und fern jeglicher Sentimentalität. Die lag ihr tatsächlich immer fern.

Gedenkworte von Dr. Sabine Brenner-Wilczek

Direktorin des Heine-Instituts Düsseldorf, 23. Juni 2014

Liebe Kolleginnen und Kollegen, Weggefährten, Freundinnen und Freunde von Frau Tilch,

es war uns – und damit spreche ich im Namen des gesamten Teams des Instituts – ein Anliegen, heute im Heinrich-Heine-Institut eine kleine Trauerfeier zu veranstalten. Und dass es auch Ihnen ein Anliegen war, sehe ich daran, wie zahlreich Sie der Einladung gefolgt sind.

Auch wenn dieser Nachmittag ganz der Erinnerung und dem gemeinsamen Austausch gewidmet ist, so möchte ich doch einige wenige Worte an Sie richten, bin mir aber auch sicher, dass die Kürze meiner Ansprache Frau Tilch sehr entsprochen hätte. Drei Eckpfeiler möchte ich in den Mittelpunkt der Rede stelle: Klugheit, Offenheit und Humor.

Klugheit

Frau Tilchs Fachwissen über „ihren Autor“ Heinrich Heine war – von der Düsseldorfer Heine-Ausgabe kommend und im Heine-Institut u.a. auch als Redakteurin des Heine-Jahrbuchs arbeitend – ein großer Anziehungspunkt, auch für die Kolleginnen und Kollegen. Für fachliche Gespräche und den Austausch stand ihre Tür stets offen und rasch war ein guter, starker Kaffee aufgesetzt.

Sie war nicht nur in Bezug auf die von ihr betreuten Bestände von Heine, Schumann oder der Düsseldorfer Malerschule eine Koryphäe, sondern trug ein nahezu enzyklopädisches Wissen in sich. So wurde oftmals und bei vielen Gelegenheiten aus dem Kolleginnen- und Kollegenkreis zuerst Frau Tilch befragt, so dass kein Nachschlagewerk mehr konsultiert werden musste. Diese faszinierenden Fertigkeiten rührten vielleicht auch von ihrer Vorliebe für Sachbücher, die sie neben Krimis besonders schätzte, wohingegen sie ausufernde und verstiegene Romane mit deutlicher Missbilligung strafte.

Offenheit

Danken möchte ich Frau Tilch für ihre Offenheit, Geradlinigkeit und Verschwiegenheit. Sie besaß die Fähigkeit des vertrauensvollen Zuhören-Könnens, wovon viele Gespräche innerhalb und außerhalb des Hauses zeugten.

Humor

Unvergesslich ist ihr treffsicherer Humor, der stets geistreich, niemals persönlich oder verletzend war, und der sich – ganz im Sinne Heinrich Heines – auf höchstem sprachlichem Niveau befand. Schließlich schätzte Frau Tilch Heines Humor und Sprachwitz.

Augenfällig und folgerichtig wäre es, jetzt meine kleine Ansprache mit einem Heine-Zitat zu beenden. Dies werde ich aber nicht tun, sondern mit einer persönlichen Erinnerung schließen. Frau Tilch hat mir – vor nunmehr über zehn Jahren – einen kleinen blauen Holzelefant kurz vor meiner Promotion geschenkt. Ihre Vorliebe, diese Tiere als kleine Figuren zu sammeln, wird vielen von Ihnen bekannt sein. Und so steht noch heute auf meiner Fensterbank ein kleiner blauer Elefant mit hocherhobenem Rüssel als Glückssymbol und wenn ich ihn sehe, denke ich sofort an Frau Tilch mit ihrer Klugheit, inneren Weisheit und ihrer Stärke.

Rede von Professor Manfred Windfuhr

Gehalten am 23. Juni 2014 im Heine-Institut Düsseldorf

Der Tod reißt schmerzliche Lücken, die man provisorisch mit Erinnerungen füllt, um damit fertig zu werden. Heine kannte sich gut aus mit der Erinnerung und widmete ihr viele Gedichte und Prosatexte. In den „Elementargeistern“ nannte er die Vergangenheit die „eigentliche Heimath“ der Seele (DHA IX, 52) und verstand sich auf die Merkmale der Mnemonik, der Lehre von der Erinnerung. Man ersieht es aus dem 10. Kapitel des „Schnabelewopski“ im Zusammenhang mit dem kleinen Simson (DHA V, 181). Mnemonik leitet sich ab von Mnemosyne, bei den Griechen die Muse der Erinnerung. Auch in diesem Punkt kann man von Heine lernen.

Marianne Tilch starb am 24. Mai 2014 im Alter von 71 Jahren. Als ich sie kennenlernte, war sie gerade 30 und begann als Späteinsteigerin ihr Studium hier am Düsseldorfer Seminar. Sie hatte schon Berufserfahrung, u. a. als Buchhändlerin, also praktischen Umgang mit Drucken. Bei mir lernte sie den Umgang mit Handschriften. Sie wurde Mitglied der textkritischen Arbeitsgruppe, die ich zur Vorbereitung der Düsseldorfer Heine-Ausgabe eingerichtet hatte, um auf der Grundlage von Heine-Handschriften und mit Hilfe des Heine-Index Heines Schreibweise näher zu bestimmen, die Eigenheiten seiner Orthographie, Interpunktion und seines Wortgebrauchs. Wir kamen zu dem Ergebnis, daß Heine entgegen der damaligen Annahme nicht willkürlich, sondern nach bestimmbaren Regeln verfuhr, Grundlage für das Prinzip der Restitutionen in der Ausgabe.

Marianne Tilchs eindeutige Qualifikation für dieses hochspezialisierte Arbeitsfeld war Anlaß, sie als Mitarbeiterin bei der DHA einzustellen. Wir haben 25 Jahre aufs engste im Bereich der Handschriftenanalyse, Lesartendarstellung und Textkritik zusammengearbeitet, neben der Kommentararbeit das philologische Zentrum einer historisch-kritischen Ausgabe. Ab 1986 betreute Marianne Tilch als Redakteurin die deutschsprachigen Teile von neun Einzelbänden, nämlich der Bände II – V, VII, IX, X, XIII und XIV. Beim letzten Band XVI, der 1997 erschien, fungierte sie als Bandbearbeiterin für die Nachträge und Korrekturen. Nach Abschluß der Ausgabe wechselte sie zum Heine-Institut in verwandten Funktionen als Archivarin, noch einmal gut zehn Jahre lang bis 2008.

Ich erinnere mich aus der Anfangszeit, daß ihr das Staatsexamen wie ein Pflasterstein auf der Seele lag. Mit Anfang 30 noch in eine Prüfung zu gehen, das paßte ihr gar nicht, das hielt sie für überflüssig, wo wir doch schon so eng zusammenarbeiteten. Was sollte da noch ein förmlicher Akt? Aber sie stellte sich der Nervenprobe und ich half ihr mit bei der Überwindung der Klippe.

Noch genauer erinnere ich mich natürlich an ihre fachlichen Qualitäten: Unbestechlichkeit, Nüchternheit und Scharfsinn. Ein Scharfsinn, aus winzigen Indizien produktive Schlüsse zu ziehen, eine ausgesprochen kriminalistische Begabung. Verbunden mit einem ständig wachsenden Detailwissen entwickelte sich hier eine Kollegin, der im Heinebereich nur ganz wenige das Wasser reichen konnten.

Aber ich hebe nicht allein ab auf die Quantität des Wissens, über Detailkenntnisse verfügen manche, sondern mehr noch auf Mariannes messerscharfes Urteilsvermögen. Um fachlich erstklassige Ergebnisse zu erzielen, braucht man auch ein hohes Maß an Vorurteilsfreiheit, gesundem Menschenverstand, kritischem Tiefenblick. Vorgefaßte Meinungen, theoretische Konstrukte sind eher hinderlich, den konkreten Einzelfall zu erfassen und zu lösen. Man braucht auch Selbstkritik, um sich zu korrigieren. Wir haben oft zusammen gesessen und Fehleranalysen vorgenommen, um Fehler nicht zum zweiten Mal zu machen.

Neben ihrer herausragenden Kompetenz als Heine-Expertin verfügte Marianne Tilch über persönliche Eigenschaften, von denen wir alle profitiert haben. Ich nenne ihre Arbeitskraft und ihre ungewöhnliche Hilfsbereitschaft, mit der sie ihr Wissen bereitwillig weitergab: beim Einarbeiten nachrückender Kolleginnen und Kollegen ins Handschriftenlesen, bei der Lösung kniffliger Detailfragen, bei Auskünften über die entlegensten Heine-Bezüge usw. Und es gab als besondere Eigenschaft ihren von vielen gepriesenen Humor. Eine Trauerarbeit sollte sich nicht auf die fachlichen Seiten einer Verstorbenen beschränken, sondern die Persönlichkeit insgesamt im Blick behalten. Vielleicht begegnen wir ihr noch direkter als bei den vorher umrissenen Eigenschaften bei den folgenden Kostproben ihres Humors.

Als erstes zitiere ich den ganz ungewöhnlichen Schluß ihres Nachworts zu Band XVI, wo sie nach dem Dank an viele Helfer noch an andere Helfer erinnert. Auf S. 833 schreibt sie:

„so möchte ich zum Schluß nur noch einen Dank besonderer Art abstatten. Er gilt einigen schnurrenden Geschöpfen, die uns über lange Jahre der Arbeit an der DHA begleiteten und durch ihre liebenswürdige Anwesenheit erfreuten: Luxus, Grappa, Lili, Lou und Larry.“

Der Dank an die fünf Katzen im Hof des Instituts ist gewiß eine nicht alltägliche Huldigung in einer anspruchsvollen, von vielen ehrwürdigen Institutionen geförderten Ausgabe. Die Katzen traten übrigens nicht alle gleichzeitig auf, sondern nacheinander, höchstens zu zweit.

Bei der zweiten Kostprobe handelt es sich um Nachbildungen im Heine-Stil, die von dem Heine-Freund und Heine-Fälscher Friedrich Steinmann stammen. Steinmann hatte bekanntlich nach Heines Tod in mehreren Publikationen unautorisierte Nachträge zu den Werken unseres Autors herausgegeben, in denen er dreist Originaltexte mit eigenen und fremden Nachbildungen vermischte. Nach heftiger öffentlicher Kritik blieb ein ursprünglich für den Verlag Binger in Amsterdam vorgesehener Teil ungedruckt und befindet sich heute in der Koninklijken Bibliotheek in Den Haag. Marianne Tilch schrieb über diesen spektakulären Vorgang 2004 einen instruktiven Aufsatz1 und schenkte mir zu meinem 70. Geburtstag einen hübschen Auszug aus diesen Steinmann-Falsifikationen. Ihr ironischer Titel lautete: „Lyrische Kostbarkeiten von Heinrich Heine“. Zur Illustration lese ich einige Beispiele daraus; das erste paßt gut zu den Katzen im Hof.

See-Katzenjammerlied
Kennt Ihr den Katzenjammer zu Land
Und den Katzenjammer zur See?
Vom Spiritus rührt der Eine her,
Der Zweite vom Wasser – o weh!
O weh, o weh, o weh!
Wer Einen genommen über’n Durst,
Und nimmer gegangen in See,
Der kennt wohl den Einen, den Andren nicht,
Den Katzenjammer zur See. O weh! usw
Erzvater Noah viel lieber trank
Ein Schöppchen als eine Tass’ Thee.
Bei der Sündfluth in seinem Kasten er schwamm
Hoch auf der stürmischen See. Juchheh!
Da litt der arme Erzvater gar sehr
Am Katzenjammer zur See,
Verwünschte das Wasser und sehnte sich
Nach dem Lande zurück – o weh!
Und als er vor Anker am Ararat lag,
Da war ihm nicht mehr so weh;
Da griff er durstig zum Gläschen und sprach:
Ich gehe nicht wieder zur See. Juchheh!
Erzvater Noah, du bist mein Mann!
Du trankst dir ’nen tüchtigen Zopf.
Ich mach’ es wie du, und faßt mich auch
Der Katzenjammer beim Schopf.
Der Katzenjammer zu Lande ist
Ein Jammer des Jammers – o weh!
Allein der Schrecken der Schrecken ist
Der Katzenjammer zur See.
O weh, o weh, o weh!

Ich
Lachen darf der Großmogul nicht,
Küssen nicht der Pabst,
Wein der Sultan trinken nicht:
Alles du, Himmel, mir gabst!
Pabst, Großmogul, Sultan ich
Mögte drum nicht sein:
Mich erfreu’n, so oft ich will,
Scherz und Kuß und Wein.

Noble Passion in Lappmarken
In Lappland’s eisigen Marken
Ist’s nasenkalt und graus.
Dort lebt allein der Lappe,
Das Rennthier und die Laus,
Der Lapp’ in schlechter Hütte,
Das Rennthier auf der Haid’,
Die Laus auf Lappenkopfe,
Behaglicher als Beid’.
Der Lappe lebt vom Renne,
Das Renn vom Moose gut,
Doch besser noch als Beide
Die Laus von Lappenblut.
Der Sonntag ist ein schlimmer
Tag für die arme Laus;
Dann zieht der Lapp’ zur noblen
Passion der Lausjagd aus.
Nicht hat der Lappen-Junker
Das Recht der Jagd und Hetz;
Ein Jeder frei darf knicken,
Ist gleich vor dem Gesetz.
Ihr uckermärkischen Granden,
Ihr Herren an Elb’ und Rhein,
Lappland’s Aristokraten
Laßt euch ein Beispiel sein!

Man könnte manches sagen zu dieser Mischung von Angelesenem und Holprigkeiten, eine gewisse burschikose Komik ist diesen Versuchen im Heine-Stil aber nicht abzusprechen.

Die letzten Proben stammen aus Tilchs und Kruses im Insel-Verlag erschienenen Bändchen „Heine für Boshafte“ (2008). Darin wird der geistreiche und oft ätzende Ton unseres verehrten Meisters nicht nur nachgebildet, sondern original in einer Blütenlese vorgestellt. Marianne war von Prüderie weit entfernt und hätte es gewiß nicht als Taktlosigkeit empfunden, wenn bei diesem Anlaß auch einige Krassheiten zur Sprache kommen. Ich zitiere nur Briefstellen und Prosanotizen.

Brief an Mutter Betty vom 4. Dezember 1847:

Meine Frau hat mir bereits mein Weihnachtsgeschenk gekauft (für ihr erspartes Geld) nemlich einen prächtigen Nachtstuhl, der wirklich so prächtig, daß sich die Göttinn Hammonia desselben nicht zu schämen brauchte. Ich vertausche ihn nicht gegen den Thron des Königs von Preußen. Ich sitze darauf ruhig und sicher und scheiße allen meinen Feinden was!(HSA XXII, 267)

An Gustav Kolb, 17. April 1849:

"Hier ist Alles still, denn wir haben, was wir wollen und sogar ein alter Bonapartist wie ich bin, mag allenfalls zufrieden gestellt seyn, wenn er vive Napoléon rufen hört! Dem Kommunismus geht es auch gut, obgleich er über schlechte Zeiten jammert. Wir haben alle kein Geld mehr und somit existirt de facto die communistische Gleichheit. Auch haben wir Weibergemeinschaft; nur die Ehemänner wissen es noch nicht." (HSA XXII, 309)

An Schwester Charlotte, 8. Mai 1824:

"Wann gedenkst Du niederzukommen? Siehst Du jetzt, wie gut es ist wenn man rechnen gelernt hat? Schone Dich nur, laufe nicht zuviel, nasche nichts während Deiner Schwangerschaft sonst wird Dein Kind ein Näscher, auch lese jetzt keine Verse, sonst wird das Kind das Du bekommst, ein Poet, – welches wohl ein großes Unglück genannt werden kann." (HSA XX, 158)

Zum Alexander Weill-Vorwort, 1847:

"Als ich Heine frug ob der Wihl ihn wirklich 200 Fr koste(te), antwortete er: Ja, aber es war nöthig zu seiner Abreise, und ich ward ihn los. Mit köstlicher Laune erzählte Heine die Mystifikazionen die er an dem armen Wihl ausgelassen, von dessen Narrenstreichen man hier noch viel erzählt und die alle aus der fixen Idee hervorgingen, daß er ein großer Dichter sey. Heine charakterisirte ihn sehr richtig mit den Worten: Wihl ist wahnsinnig, hat aber lichte Momente wo er bloß dumm ist. (DHA X, 309)

Aus den Prosanotizen:

Wenn das Laster so großartig, wird es minder empörend. Die Engländerinn beim Anblick eines ungeheuren Herkules, sie die sonst eine Scheu vor nackten Statuen, war hier weniger chockiert: „bei solchen Dimensionen scheint mir die Sache nicht mehr so unanständig. (DHA X, 325)

An Franz Liszt vom 12. Oktober 1836 über den Pianisten und Komponisten Kalkbrenner:

Kalkbrenner nemlich befindet sich wohl und gesund. Wir reisten jüngst mit einander auf einem Dampfboote die Seine hinauf, von Paris nach Corbeil; diese Reise dauert gewöhnlich fünf Stunden, wenn man aber mit Kalkbrenner fährt, fährt man von Paris nach Corbeil in zehn Stunden. Gegen diese Windstille des Geistes hilft keine Dampfmaschine. Wir sprachen von der Kunst im Allgemeinen und von der Musik ins Besondere. (HSA XXI, 164)

An den ominösen Friedrich Steinmann vom 4. Februar 1821:

Indessen ich kenne zu gut das Gemüth des Dichters, um nicht zu wissen, daß ein Poet sich weit eher die Nase abschneidet, als daß er seine Gedichte verbrennt. Letzteres ist nur ein stehender Ausdruck für Beiseitelegen. Nur eine Medea kann ihre Kinder umbringen. Und müssen nicht Geisteskinder uns viel theuerer sein als Leibeskinder, da letztere oft ohne sonderliche Mühe in einer einzigen Nacht gemacht werden, zu erstern aber ungeheure Anstrengung und viel Zeit angewendet wurde? (HSA XX, 37)

An August Lewald vom 15. Januar 1837:

Ihrem Style muß ich die höchsten Lobsprüche zollen. Ich bin kompetent in der Beurtheilung des Styls. Nur bei Leibe vernachläßigen Sie sich nicht und studiren Sie immer fort die Sprachwendungen und Wortbildungen von Lessing, Luther, Göthe, Varnhagen und H. Heine; Gott erhalte diesen letzten Classiker! – (HSA XXI, 177 f.)

Manchmal weiß man nicht, welchen Gefühlen eine Träne geschuldet ist: der Trauer oder der Freude, hier dem Vergnügen an der witzigen Überraschung und perfekten Pointe. Auch durch diese ausgewählten Proben dringt etwas von der unverwechselbaren Eigenart der Anthologistin hindurch.2

Diese Züge zu einem Marianne-Tilch-Porträt mögen genügen, damit wir sie im Gedächtnis behalten. Wir sind es ihr schuldig; wir werden sie nicht vergessen.

Anmerkungen

  1. Vgl. Marianne Tilch: „Impertinenz und Unverschämtheit“, „Zudringlichkeit und freche Stirn“. Friedrich Steinmanns Heine-Fälschungen – In: „… und die Welt ist so lieblich verworren“. Heinrich Heines dialektisches Denken. Festschrift für Joseph A. Kruse. Hrsg. Von Bernd Kortländer und Sikander Singh. Bielefeld 2004, S. 477-490.
  2. Ein schöner Beleg für Belesenheit und Texterschließung ist auch der stattliche Düsseldorf-Band, den Marianne Tilch zusammen mit Beatrix Müller herausgegeben hat. Darin wird die Stadt am Niederrhein durch Berichte von Bewohnern und Besuchern vom Barock bis zur Gegenwart farbig aufgeschlossen, meist von Künstlern aller Sparten. Das Vorspiel bildet ein fiktives Interview von Italo Calvino mit einem Neandertaler, bei dem im Kommentar nur Angaben darüber vermißt werden, „wann, wo und vor allem in welcher Sprache es geführt wurde“ (Düsseldorf. Texte und Bilder aus vier Jahrhunderten. Stuttgart 1991, S. 13).