Frauen-Kultur-Archiv

Düsseldorfer Autorinnen der Gegenwart: in memoriam

Texte von Renate Neumann

Die Verantwortliche für diese Internetseiten war die Verlegerin von Renate Neumann und verfügt über das Abdruckrecht für diese Texte.

Gedanken, Gedenken

Zielstrebig erinnern, ungezielt vergessen. Samtweiche Gefühle in dem Moment der glücklichen Erinnerung, einzelne Momente des glücklichen Lebens, gibt es das? Sekunden der Gutmütigkeit in der Erinnerung und einzelne Sätze, die auf Papier standen, die dort weiter stehen, die die Erinnerung forcieren, sich dort schwarz auf weiß eingegraben haben. Gültige Sekunden, Splitter des Vergessens, nur nicht mehr wissen, unbedingt verschweigen, nicht näher rücken lassen, ausblenden. Heftiger Erinnerungsschwall wird wieder in die Schachtel verpackt. Ausweglos in die Gegenwart geworfen, der Vergangenheit entronnen, der Zeit entkommen. Erinnerungsgeschenk, verpackt, verschnürt, zugebunden, nicht herauslassen, drinnen stecken lassen, verschnürt, zugebunden, nicht herauslassen, drinnen stecken lassen, nur nicht öffnen, draußen nichts davon sehen lassen, bis ins Unterste verbergen. Stunden gemächlicher Innenreise, aber ohne Erinnerung, nur nichts aufkommen lassen, nicht hochkommen lassen, nur nicht auskotzen. Gesprächsweise Unterschlagungen begehen. Wissen verschweigen, Können verbergen, nicht zu sehen sein, sich nicht hören lassen, die Toten schweigen ohnehin, Ermordete schweigen noch stiller, laß die Erinnerung nicht durch die dünnen Riten dringen, Zeitgeist. Wartestellung auf Durchbruchsversuche des Gedächtnisses, hochgekommene Zeiten, Schalen voll Erbrochenem, Ausgespucktem, Rübergerettetem. Ausgeschwiegen, herauskommen, deutlich werden, aber wo ist die Grenze? Die Erinnerung abschotten, das quillt dann aus allen Ohren wieder heraus, versickert wieder, macht keinen Effekt, bedeutet wenig. Unscheinbar, kleinkariert, Miniaturgeschichte, ausweglose Situation, merkwürdig, beobachtet, schnell erfasst, durchgegriffen, zu spät gekommen. Tieflader ins Moor, die Vergrabenen, Verschütteten, viele Menschen, die bleiben da unten, da folgt nichts draus, die Geschichte geht weiter und doch gibt es einen Nerv der Vergangenheit, der durchstrahlt, der durchleuchtet, der die Gegenwart beschämt. Es gibt eine Zeit bis in die Gegenwart, da kehrt die Erinnerung ständig wieder, die verfolgt die Jetztzeit und blickt auf die Zukunft und erstreckt sich weiter und läßt sich nicht verdrängen und läßt sich nicht vergessen, Stachel vergangener Zeit.

In: Renate Neumann: Du weckst die Nacht. Prosaminiaturen. Neuss: Ahasvera Verlag 1994, S. 87f.

Es ist spät, Lieb’

Aus der Kurve der Nacht kommt Liebesgeflüster, da stehen die Besucher Schlange in der Peepshow. Kolchosenarbeit, dann Nacht, dann einschlafen, doch Liebesgeflüster in den Sternen. Sie krallt sich um ihren Kragen. Wegelosigkeit. Dann eingeschlafen. Weggenommene Stunden, ausgewichene Tage, unsteuerbare Wochen, Monate gerade jetzt, in diesem Moment. Einstellungssache. Da erkürt sich die Freundin eine Freundin der Freundin, der Liebe. Liebes, es wird spät. Zur Frau geboren. Wegebahnen, Ausweichstellen, vollgestellte Straßenbahn. Arbeit, schlafen, essen, aufwachen, weitergehen, unentwegt verstreichende Stunden, weiterschlafen, weiterwachen. Wo bleibt da die Sekunde, der Einschlag? Gehäckseltes Stroh, darin Nachtgeflüster, Sternenanbetung, Gewinde der Erinnerung. Wo bleibst du Lieb’, wo steckst du, wo sind deine Momente? Liegen sie unter dem Pflaster, auf der Straße, in der Woche, in einem Jahr. Wo sind deine Stunden, wie ist dein Monat? Entschwunden, gegangen, verloren, wo bist du Lieb’? Wer hat vergessen, den Kuß unterm Schirm, es schüttete, wer hat daran gedacht, der Kuß am Rhein. Wer hat daran gedacht, die Dachlatte in der Hand, den Boden unter den Füßen, die Stunden vergessen. Wieder von vorn. In der Nacht stehen die Nutten auf den Füßen, die Freier liegen ihnen zu Füßen, keine Geburt, kein Aufwachen. Käse zum Frühstück, Kandelaber im Film, Rotlicht aus dem Fön, Schwarzkuchen als Brot. Geschmeidige Wintersonne, die sich zerstäubt. Weggewandte Zeit.

In: Renate Neumann: Du weckst die Nacht. Prosaminiaturen. Neuss: Ahasvera Verlag 1994, S. 10.

Du weckst die Nacht

Einsame Nächte umspielen wie Kautschuk den Körper. Liebesabenteuer werden kolportiert, nicht ausgegrenzt. Faulenzende Nächte im Arm des Mondes. Da hämmert es sich gut und schneidet ins Fleisch. Suchmeldung: Wo ist die Nacht? Gieriges Aussaugen der Stunden, die die Nacht hergibt. Sie liest im Bett und stützt den Arm dabei auf, bis er einschläft. Die Einschlaflektüre ist leise. Als sie die Nacht durchmachten, tunkten sie sich nicht in blaugeblümte Pyjamas. Laß die Nacht ruhen! Sie hat dir nichts getan. Du hattest keine außergewöhnlichen Wünsche im Bett, was uns nicht daran hinderte, wunschlos glücklich zu sein, eine Sekunde, die ganze Nacht. Unter uns Wasser, zwischen uns Feuer. Die trauerumflorte Nacht runzelt die Stirn, Umarmung im Treppenhaus. Der Schlüssel klemmte. Nur diese eine Nacht. Sucht der Nacht. Keine Nacht allein, immer wieder. Dein liederliches Ehebett. Wenn du die dicken Vorhänge vorgezogen hast und den Baldachin über deinem Bett ausbreitest, klingt der Beischlaf postmodern. Kissen saugen Geräusche auf. Sie wickelte ihr goldenes Haar um seine Knie. Am nächsten Morgen schnitt sie es ab. Asymmetrisch. Schwebende Trauernacht. Dein Lachen, dein goldenes Haar. Sie legte sich am Abend schon das Frühstücksei zurecht, weil sie so früh aufstand. Sie hatte vier Kinder.

In: Renate Neumann: Du weckst die Nacht. Prosaminiaturen. Neuss: Ahasvera Verlag 1994, S. 28.

Muttersprache

Gehen, Hören, Riechen, Schmecken. Aufrecht stehen lernen, Fremdheit lernen. Antennen entwickeln, sprechen lernen. Was kann das Kind denn schon? Was will es verstehen? In welchem Land leben wir? Laß mich deine Muttersprache hören, wie klingt sie, wie surrt sie in deinen inneren Tönen? In welcher Sprache träumst du, verstehst du im Schlaf Papierrascheln, Insektensausen, Füßescharren? Weltsprache. In der verstehen wir uns, hören uns, könnten uns Liebe sagen, aber nun ist doch deine Sprache meiner fremd. Ich kann nicht hören, was du sagst. Was ist deine Sprache? Ja, das ist etwas anderes, die Autosprache, Zeichen geben, Verkehrsregeln, internationale Verständigung, mit internationalem Führerschein kommst du überall durch. Aber was ist deine Muttersprache? Ist es schon das Brabbeln des Kindes, wenn es die ersten Laute hervorbringt, sandig, erdig, warm, eingelullt in der Sprache der Blumen. Diese knistern, wenn du damit zu mir kommst, laß uns durch Blumen sprechen. „Da muß ein klares Wort gesprochen werden.“ Genau, das ist der Ton der deutschen Sprache, die so durchdringend ist, daß sich ihr niemand entziehen kann, aber auch eine Sprache mit Idealismus. Ohren zuhalten würde nichts nutzen. Klingend in einer schönen Stimme, geradlinig, befehlend, beschimpfend, kasernenhörig. Aber hat sie nicht auch den Klang der Literatur, wie sie reimt, wie sie charmant tönt, warm klingen ihre Melodien, unsere Ohren sind durchlöchert von der Muttersprache, es könnte ein Gesang sein.

In: Renate Neumann: Du weckst die Nacht. Prosaminiaturen. Neuss: Ahasvera Verlag1994, S. 32f.

Auf dem Weg

Sie erneuerte sich auf dem Weg. Grenze am Tod. Sie erfährt Hinweise auf die richtige Richtung, hört von Umwegen, rennt weiter, kommt voran. Sie sieht Gabelungen, hinter ihr nichts, vor ihr Kreuzungen. Sie begleitet einige auf dem Weg, an Kurven verlieren sie sich aus den Augen. Kaum einer kommt ihr entgegen. Sie geht abwartend, stolpert. Der Weg bricht ab, sie geht querfeldein, der Weg hört auf, sie springt ins Weite. Sie geht lebenslänglich. Sie kommt nicht an, erreicht ein Ufer, schwimmt hinüber, kehrt am anderen Ufer um, macht Umwege, verläuft sich. Kleine Papierschnipsel gräbt sie unterwegs ein, hängt Lampions an die Bäume, arbeitet mit an der Straßenbefestigung. Der Tod ist zu, sie kommt nicht rein, muß wieder weiter. Blaue Pfeile sind auf den dürftigen Weg gemalt, dort wo es weitergeht. Sie folgt der Richtungsanzeige. Immer wieder bricht der Weg ab, sie fängt tausendfach wieder an, immer an der gleichen Stelle, verliert die Menge, geht allein. An Mauern entlang, überall zu Hause, mit dem Kopf im Moos, selbst langsam in den Farben der Natur, verwittert, lernend, vergessend. Weg ist, wo ihre Füße gehen. Schachteln liegen am Rand, Bauschutt, Geröll, ein alter Kühlschrank, sie klettert einen Abhang hinunter, dann Vororte, Zentren, Städtebilder gerafft. Sie geht durch Gemäuer, verfallene Durchblicke, die sie abseitig liegen läßt. Sie streicht an Wänden entlang, streicht mit den Händen darüber, saftiges Grau, Leben der Steine. Sie kennt die Richtung, verändert sich auf dem Weg, erkennt alte Pfade nicht wieder. Sie ist nicht in der Spur. Sie hört von Stockungen im Verkehr, schleicht weiter, wandert über Halden, sieht Erker und Gesimse, studiert Fensterfarben und Türformen. Sie geht längs, entlang am Vergessen. Sie fängt Wegweiser, sonst zerrinnt der Weg. Die Schuhe finden ihn, die Füße sind vorwärtsgerichtet. Die Wege im Park sind durch Sehenswürdigkeiten geschmückt, geschickt arrangiert eine Brücke. Sie fällt ins Wasser, Frosch. Nach Trockenpause geht sie wieder auf den Weg und findet wieder einen anderen, keiner von vorher, immer undurchsichtig. Sie findet sich nicht zurecht, aber sie findet weiter. Entdeckt werden kann sie kaum.

In: Renate Neumann: Du weckst die Nacht. Prosaminiaturen. Neuss: Ahasvera Verlag 1994, S. 65f.

Lebenslinien

Sie legte sich Linien zurecht. Schnurgerade Linien. Eine Lebenslinie, liliengleich, bleich, doch noch so ein Berg, schadhafter Nesselberg, der Stoffberg, darunter Kribbelndes, Krabbelndes, der Stoffberg wird weggetragen. Sie hat einen Vergewaltiger gespürt, einen Messerstecher gesehen, im Fernsehen, von Schlächtereien gehört, im Radio, und spinnt weiter an der Lebenslinie, einem Faden. Du hattest ihn um das Handgelenk gewickelt. Deine Linie weist daran vorbei, geht ins Leere, kann sich nicht aufrichten, der Schlangenbeschwörer hat seine Flöte vergessen. Der Strick bleibt im Korb. Sie fädelt den Faden durch Schlüssellöcher, verschließt damit die Tür, der Faden reißt immer wieder, sie knotet ihn zusammen. Und legt Linien damit, auf italienische Marmorböden, marmorierende Linien, vergißt den Ausgang. Der Stock klappt zusammen, bestrickendes Scharnier. Sie legt Fäden, sie kennt Spinnereien, Handauslegerinnen, weise Frauen. Handlinienleserinnen, sie hat sie gesehen, erlebt, aber die Linie weist daran vorbei. Auf der Leinwand eine satte Linie, Menschenfigur, nicht ausgemalt, Umrisse, ohne Inneres, Profil, ohne Zeichen, Zeichnung, unerkennbar, das bleibt doch anonym. Glaube an die Umrisse, der Blick sticht durch die Leinwand, ein unbewegtes Bild, es bleibt sich gleich. Sie läßt sich aufhängen, die Linien werden mittransportiert. Sie kennt Politiker, die Linien ziehen, mit dem Stöckchen im Sandkasten, daraus Weltentwürfe basteln, sie hat sie gesehen, sie stiegen nicht aus, sondern blieben im Betrieb, wurden seriös dabei, nur die Karikaturisten machten sie zu dünnen Strichen. Handschriftschlängel auf Linienpapier, wohlgeordnet, eingegrenzt, gleichmäßig, parallel, bis zum Ende des Heftes, das liniert ist. Auf einer Treppe in Rom, sitzend und auf liniertes Papier zeichnen, quer zu den Linien, schräg dazu, in Schieflage, das Buch in einen Brunnen werfen und warten, bis es sich neben den Münzen auflöst. Ein gutes Zeichen für die Zukunft, wenn es da glitzert, das Kupfer.

In: Renate Neumann: Du weckst die Nacht. Prosaminiaturen. Neuss: Ahasvera Verlag 1994, S. 108.

Epilog: Gefälligst leben

Sie hat die Ordnung zum Leben, sie hat die Wut zum Leben, sie will weiterleben. Ihre Krankenhäuser benutzt sie zum sich Hospitalisieren, sie liegt dort und steht und geht dort, und die Krankenhäuser geben ihr Urlaub.

Ich bin im Urlaub vom Krankenhaus und habe mir den Freispruch von der Arbeit erkämpft. Unter meiner Sonne liegt meine Mondin (plattgepreßt wie Blüten im Lexikon), darunter die Venus, und der Saturn verdämmert am Horizont. Recht hast du, sagt sie sich selbst und die Wahrheit sagst du, sagte sie sich selbst, und ich bin eine Sie, die dem Männlichen ausweicht, es nicht versteht, kaum anbändelt. Jetzt nicht jedenfalls.

Hochaufgewürfelt sind die Holzscheiben und darüber Klötzchen. Auf dem Boden liegen die Kinderschuhe, und auf der Straße gehen die Kinder geradewegs zum Hort, zum Kindergarten, zur Schule nicht mehr so oft in Begleitung der Mutter. Ich rastere mir meinen Weg. Die Büdchen und die Läden stehen mir wieder offen. Ich bin in Urlaub und habe gefälligst zu leben, weil selbst wenn geschnitzte Schlangen sich an den Hals des Kranichs hängen, er sich schüttelt und mir seine Schwingen zeigt. Weil die Sonne auch hinter den Wollen scheint. Weil die Mondin nachts manchmal auch mir ihr Gesicht zeigt. In der Zeit, wo das Telefon erreichbar ist, will ich leben. Den Fernseher könnte ich eigentlich verkaufen. Die Stühle hingegen sind soweit in Ordnung. Die Säbelrassler sind nicht hier, sondern klingen zu laut, um endlos zu schlafen. Die Luftwaffenbomber und die Bodenkrieger lassen sich zusammenfassen als kriegführende Parteien. Das verdunkelt den Tag, dennoch will ich leben, um den Krieg zu verhindern, große Einbildungen zu kreieren und mich auszuruhen, bis ich in mir zusammenlaufe, um wieder die Arme schwenken zu können. Außerdem will ich noch einmal bei Frühlingsluft auf dem Fahrrad zum 1. Mai fahren. Ich will noch einmal Beethovens Sinfonien hören und die gehörnte Eidechse sehen, die Pfirsichsaft dann, erst dann von meinen Beinen lecken darf.

9. Februar 1994

In: Renate Neumann: Du weckst die Nacht. Prosaminiaturen. Neuss: Ahasvera Verlag 1994, S. 126f.