Frauen-Kultur-Archiv

Düsseldorfer Autorinnen der Gegenwart: in memoriam

Zwei Texte von Lore Schaumann

Besuch bei Rose Ausländer

Düsseldorf-Golzheim, eine kurze stille Straße dicht am Nordpark; vom Nelly-Sachs-Haus schaut man überall ins Grüne. In diesem Elternheim der jüdischen Gemeinde wohnt seit 1973, als sie nach einem Unfall ständige Pflege brauchte, die Lyrikerin Rose Ausländer. Ihr Zimmer im vierten Stock hat ein Hospitalbett mit Nachttisch, im Kleiderschrank und auf der Kommode häufen sich die Papiere – ein dauerndes Provisorium, Krankenzimmer, Empfangsraum, Schreibwerkstatt. An der Wand ein paar leuchtende Bild-Akzente von HAP Grieshaber.

Rose Ausländer kann sich nur mühsam bewegen, meist liegt sie, von schwerer Schlaflosigkeit so sehr gequält, daß sie manchmal nicht weiß, wie sie durchhalten soll. Wer würde denken, daß in dieser Situation Gedichte entstehen? Aber sie wachsen aus dem Innenort verborgener Kämpfe, übersteigen ihn ins Zeitlose, sprechen aus einem existentiellen Kern unmittelbar in die Existenz anderer Menschen hinein. Da gibt es keine Spur von Wehleidigkeit, beschworen wird nicht nur das Paradies Erinnerung, sondern die gegenwärtige Kraft, sich zu erneuern, in verständlichen, leicht zu deutenden Worten und Bildern.

Von dieser Wirkung will ich diesmal mit Rose Ausländer sprechen. Die Verleihung des Ida-Dehmel-Preises und des Andreas-Gryphius-Preises hat erst kürzlich wieder mit ihren Daten bekannt gemacht: Aufgewachsen im altösterreichischen vielsprachigen Czernowitz, hochgespannte Geistigkeit des bürgerlichen Elternhauses, Beschäftigung mit den Lehren Spinozas und Constantin Brunners, Weisheit der Chassidim. Nach überstandenem Getto, nach deutscher und russischer Besatzung Emigration in die USA. Seit 1965 in Düsseldorf.

„Meine Wirkung?“ sagt sie und lehnt sich in die Kissen zurück. „Meine Wirkung hat alle Erwartungen übertroffen. Ich komme aus dem Staunen nicht heraus. Das fing schon an mit meinem ersten Gedichtband Der Regenbogen. Ich wurde in Czernowitz sehr gefeiert. Aber auch aus Bukarest und aus dem Ausland meldeten sich bekannte und unbekannte Leser. Arnold Zweig schrieb mir aus Jerusalem, Hans Carossa aus Deutschland, Hermann Hesse aus der Schweiz. Ein halbes Jahr später brach der Krieg aus, und alles war zu Ende.“

Von der glücklichen Erfahrung dieses ersten Hervortretens spannt sich jetzt ein Bogen ins Düsseldorfer Krankenzimmer. Denn wieder schreiben viele, sehr viele Leser. Auf dem Tisch stehen rote Rosen eines unbekannten Verehrers: „Ich komme mir manchmal vor wie eine Märchenprinzessin, der man huldigt. Kein Tag vergeht ohne Post, herrliche Briefe manchmal. Zum Geburtstag war mein Zimmer ein Blumenmeer, und es kam eine Flut von Briefen und Telegrammen.“ Besonders rührte sie der Anruf einer Nonne, die ihr mitteilte, sie habe in ihrem Namen fünf Bäume in Israel pflanzen lassen. In New York hatte Rose Ausländer die Aufmerksamkeit der großen, von ihr verehrten amerikanischen Dichterin Marianne Moore gefunden, die ihr den Ehrenpreis des Wagner College verschaffte. In Deutschland haben sich Zustimmung und Interesse der Leserschaft von Band zu Band gesteigert: Wenig Echo auf den in Österreich erschienenen Blinden Sommer, öffentliche Anerkennung (Heine-Taler, Droste-Preis der Stadt Meersburg) für 36 Gerechte. Die Kollegen Piontek, Keller und Jokostra meldeten sich. Marie Luise Kaschnitz sagte bei einem Besuch: „Rose Ausländer, Sie schreiben ja viel bessere Gedichte als ich.“ Zu ihr fand sie sofort zwanglos vertrauten, brieflich und telefonisch fortgesetzten Kontakt; sie schrieb Rose Ausländer das Nachwort für den vielbeachteten Band Andere Zeichen.

Aber die stärkste Wirkung geht von den Gesammelten Gedichten aus. Gedichte werden ihr gewidmet, erschütternde Briefe stellen Fragen an sie, zur Verleihung des Gryphius-Preises kam ein junger Mann aus Heidelberg angereist, der einen Aufsatz über ihren Zeitbegriff geschrieben hat. Wie erklärt sie sich dieses Echo? „Ich habe, was man Wirklichkeit nennt, auf meine Weise geträumt, das Geträumte in Worte verwandelt und meine geträumte Wortwirklichkeit in die Wirklichkeit der Welt hinausgeschickt. Und die Welt ist zu mir zurückgekommen.“

Gut, aber der Mann, der aus dem Gefängnis schreibt, der Selbstmörder, dem ihre Lyrik geholfen hat – spüren sie nicht vor allem die verwandte und überwundene Notsituation? „Die Leute wissen doch gar nicht, dass ich krank bin. Sie fragen, was Poesie ist, warum ich schreibe, was mein zentrales Interesse ist.“ Die Antworten darauf hat sie schon oft formuliert: Sie schreibt, zunächst für sich, unter innerem Zwang, publiziert aber für ihre Mitmenschen. „Ich gehöre nicht mir selber.“ Lange Jahre beschäftigten sie die Erfahrungen der Verfolgung, des Exils und der Heimatlosigkeit. Ihr jüdisches Volk wird immer wieder zum Thema. Gegenstand ihrer Dichtung sind aber auch „Probleme über Leben und Tod, die Zeit im Sinn der Vergänglichkeit, der Dauer und unserer Zeit, Sprache, das Mysterium des Kosmos. Doch mein wesentlichstes Interesse gilt Frieden und Gerechtigkeit unter den Menschen.“

In diesem Sinne beantwortet sie jeden Brief, den unscheinbarsten und den des Professors aus Cincinnati, der über sie eine Arbeit veröffentlichen will. Sie hat wirkliche Freunde gewonnen. Und sie wundert sich über die eigenen unerklärlichen Reserven: „Alles ist ein Geheimnis.“ Zu ihrer Arbeitsweise befragt, sagt sie: „Ich schreibe fast nur nachts. Die erste Fassung steht in Gabelsberger Stenogrammschrift auf Zettelchen. Sie kristallisiert sich um einen Gedanken, einen Einfall. Manchmal steht der erste oder der letzte Satz fest. Nach Tagen, wenn ich Distanz gewonnen habe, nehme ich die Zettelchen wieder vor. Dann kann es sein, das Gedicht ist fertig, so wie es ist. Oder ich vertausche die erste und die letzte Strophe, schreibe um, verbessere. Ob es bleibt oder ob ich es wegwerfe, entscheide ich später.“

Von dem, was geblieben ist, haben sich bildende Künstler wie Otto Piene und Rupprecht Geiger anregen lassen. Der Freund HAP Grieshaber schuf zu dem Gedicht Die Arche einen Farbholzschnitt, der mit der dreisprachigen Fassung als Jahresgruß der Buchmesse in die Welt ging.

Rose Ausländer mischt in ihren Bänden Altes und Neues. Sie datiert ihre Gedichte nicht, sogenannte Entwicklungen aufzuzeigen ist daher schwierig. Sie weiß aber, daß in einem Jahr (war es 1973?) gar nichts entstanden ist, während ein anderes etwa 200 Gedichte brachte. Für den Auftrieb durch Preise ist sie ein lebendiges Beispiel. Die Äußerungen ihrer Leser haben ihr neue Kräfte gegeben: „Es ist wert, zu leben und zu schreiben.“ Das Tablett mit dem Abendessen wird gebracht, wir müssen unser Gespräch beenden. Und da kommt auch der Bruder aus New York herein. Sie hat ihn jetzt nach Düsseldorf holen können.

In: Der Wegweiser, Düsseldorf, 8/197.

Frauen, die lesen – Frauen, die schreiben

Nachmittag in einer Frauen-Bücherstube. Die junge ehrenamtliche Mitarbeiterin hört eine Schlagersendung im Radio, telefoniert mit ihren Freunden, fängt ein lautes, von Kichern unterbrochenes Gespräch an, als eine zweite Helferin dazustößt. Ich höre „Selbsterfahrungsgruppe“ und „die ist neurotisch, oder eigentlich schon psychotisch, könnte man sagen.“
Eine junge Frau mit Kinderwagen und mäßig unruhigem kleinem Jungen blätterte sich still durch den kleinen, aber sorgfältig zusammengetragenen Buchbestand, fragt schließlich nach einem Band von Ricarda Huch. Dem Mädchen am Verkaufstisch ist dieser Name unbekannt. Später sagt sie „Wer ist das, was hat die geschrieben?“ Einer kleinbürgerlich wirkenden Frau in mittleren Jahren, die „etwas Leichtes“ zum Verschenken sucht, empfiehlt sie Virginia Woolf und Simone de Beauvoir. „Nein, doch lieber nicht“, beendet das Gespräch, läßt die Frau unschlüssig hinausgehen. Die kommt bestimmt nicht wieder.

Literaturkenntnisse, angewandte Psychologie? Nur das derzeit Modische, also alles, was sich auf die großen „Selbst“-Wörter reimt. Aus dem Hintergrundgespräch rieselt es heraus: Selbstbild, Selbstbewußtsein, Selbstbehauptung, Selbstverwirklichung, Selbstbestimmung. (Ein Mann sagt neulich „Nur das Wort selbstlos hört man gar nicht mehr.“ Sagte er das, weil er ein Mann ist?)

Auf den Regalen steht alles, was „bewegte“ Frauen zwischen zwanzig und dreißig interessiert: Erziehung, Psychologie, Soziologie, Biographie und Historisches, die Feminismus-Klassikerinnen Friedan, Greer und Janssen-Jurreit mehrfach gestaffelt. Dazu feministische Zeitschriften mit verschiedenen Schwerpunkten. Bücher über Gewalt gegen Frauen, Alkoholismus, Wohngruppen, Heilkräuter, Naturkosmetik, Getreidegerichte, Frauen der Dritten Welt zeigen, wie die Bewegungen ineinander verschränkt sind. Bei den Sachbüchern kann man offenbar auf männliche Beiträge nicht verzichten. In der Belletristik dagegen sind Männer von der linkshändigen Frau bis zu Anna Karenina nur mit Frauen-Titeln zugelassen. Nicht auf Literatur liegt die Betonung, sondern auf Anleitung zum Leben, auf Information als Diskussionsgrundlage.

Aber liest zum Beispiel jemand Mary Wollstonecraft? Ihre „Verteidigung der Rechte der Frau“ ist 1792 erschienen und nimmt alles Heutige voraus. Sollte es mit der ungebrochenen literarischen Tradition Englands zusammenhängen, daß Frauen dort so viel selbstverständlicher, phantasievoller und besser schreiben als bei uns? England hat immer Exzentrikerinnen und Abenteuerinnen hervorgebracht und geduldet; auch für Frauen erweiterte das Empire die Welt. Schriftstellerinnen wie Doris Lessing und Nadine Gordimer wären ohne diesen Hintergrund nicht denkbar.

Was Angela Praesent über Lese-Erfahrungen mit Manuskripten für ihre Reihe „neue frau“ berichtet, deutet dagegen bei den deutschen Einsenderinnen auf unentwegtes Um-sich-selbst-Kreisen hin. Zum besseren Schreiben gehört aber neben viel Können die Fähigkeit, über sich hinaus und von sich abzusehen. (Nicht umsonst ist der Lebensbericht „Brombeerblüten im Winter“ von Margaret Mead das bisher beste Buch in Praesents Reihe.) Würde unsere deutsche Tradition – die es ja gibt – zur Kenntnis genommen, so wäre da manches zu lernen etwa von Lou Andreas-Salomé, wenn sie die weibliche Tendenz beklagt, sich immer nur zur Selbstentfaltung zu bringen, „anstatt dies eigene Sein in sachlicher Hingebung an ein Einzelziel zu setzen.“
Dem Frauenbuchladen schräg gegenüber liegt eine vorzüglich geführte Familienbuchhandlung, in der die sehr kenntnisreiche Frau wesentlich mitwirkt. Auf die Frage, wieweit sie Frauenliteratur verkaufe, antwortete sie, das sei für ihren Kundenkreis kein Kriterium. Sie verkaufe Literatur.
Übrigens stimme ihre eigene Erfahrung selten mit den Bestseller-Listen überein, die halte sie für manipuliert. Sie kennt ihr Fach, ist vielseitig gebildet und hat ein selbständiges Urteil.

Warum gehen die Frauen mit ihren Wünschen nicht zur Fachfrau, die ja auch Bibliothekarin sein kann? Daß die öffentlichen Büchereien bei uns immer noch eine viel zu bescheidene Rolle spielen, ist historisch bedingt und ein Kapitel für sich. Wie soll man die Freude am Suchen und Finden von Lesestoff kennenlernen, wenn man es nicht übt? Im Frauenbuchladen steht alles handlich beieinander. Zu jedem Thema die These, und der gemeinsame „echt starke“ Jargon gibt Tuchfühlung. Das Bedürfnis nach Gruppierung und ihren Losungsworten tritt in jeder Generation neu auf, nur die Vorzeichen ändern sich. Für mich hat der Feminismus mit seinen grotesken Abgrenzungserscheinungen etwas von einer nach außen wehrhaften Wagenburg, in der man sich gegenseitig hilft. Junge Frauen suchen Orientierung, rufen allenthalben nach mehr Gerechtigkeit. Und wie immer gibt es mehrere Bewußtseinsstufen nebeneinander: Manche legen das Ohr an die Erde, während andere ihren Jet-Flugschein machen.

Frauen, die lesen, Frauen, die schreiben – stimmt es nicht tatsächlich, daß die Frauenbewegung neue literarische Kräfte ans Licht gebracht hat? Ganz gewiß sind die schreibenden Frauen sicherer und mutiger geworden. Im Augenblick kommt ihnen aber der Markt mit ungewöhnlicher Bereitschaft entgegen. Es wird sich zeigen müssen, ob der Trend dauert. Übrigbleiben werden die Könnerinnen mit oder ohne Charisma, Frauen, die üblicherweise studiert haben, einen Wortberuf als Lektorin, Redakteurin, Dozentin oder Übersetzerin ausüben und den Literaturbetrieb kennen – Leute also, die sich ohnehin durchgesetzt hätten.

Gegenwärtig bietet ein Überblick über „weibliche“ Literatur im deutschen Sprachraum das Bild einer erstaunlichen Vielfalt und Begabungsfülle – wenn man schon geschlechtsspezifisch einteilen will. Daß dies geschieht, daß der Aufbruch registriert wird, ist auch eine Folge der Frauenbewegung. „Frauen schreiben ein neues Kapitel deutschsprachiger Literatur“, mit dieser als Buchtitel formulierten Behauptung steht Jürgen Serke nicht allein, und sie wird durch seine 30 Porträts schreibender Frauen von heute bekräftigt. Die Freude über die „erste umfassende Geschichte der Frauenliteratur in deutscher Sprache“ ist allerdings buchstäblich geteilt. Denn 15 straff und konzis formulierten Kurzporträts stehen hier 15 lange gegenüber, von denen einige nur allzu deutlich ihren ursprünglichen Erscheinungsort verraten: Beim Friseur war man 1977 plötzlich in einer Illustrierten auf Details von Barbara Frischmuths trauriger Ehe gestoßen. Ein andermal sprach sich Karin Struck über Liebe und Leben aus – Tratsch mit Anspruch, sonst auf darstellende Berufe beschränkt. Jetzt findet man ihn zwischen zwei Buchdeckeln wieder. „Gabriele Wohmann und ich haben in ihrer Darmstädter Wohnung drei Tage lang verbal gekämpft“, heißt ein sehr charakteristischer Satz. Jürgen Serke verfolgt sein literarisches Wild mit dem Jagdinstinkt des Reporters, und er will Blut sehen. Jagen, zur Strecke bringen, Halali – nicht umsonst fällt einem das uralte symbolische Männlichkeitsvokabular ein. Wissen wir nun mehr über Sarah Kirsch, weil drei Männernamen beziehungsvoll ausgesprochen werden? Gewinnt Brigitte Schwaiger durch das Breittreten ihrer Affären und Nervenzusammenbrüche an literarischem Interesse? Kümmert es uns, von wem Karin Struck ihre drei Kinder hat? Jedem die Darstellung, die er provoziert. Wer sich ins Schaugeschäft begibt, kommt darin um.
Es haben sich nicht alle hineinbegeben. Wo Serke verehrt, wo ihm eine Persönlichkeit den Widerstand natürlicher Würde entgegensetzt, ändern sich Stil und Methode. Anna Seghers, Christa Wolf, Ilse Aichinger behandelt er literarisch sorgfältig. Der Zorn, den dieses Buch erregt, wird weniger durch seine tratschhaften Partien und die parteiische Arithmetik der Enthüllungen ausgelöst als durch die Beweise, daß Serke es besser kann, daß er ein guter Leser ist, dem, wenn er will, Einfühlung und kritisches Urteil zu Gebote stehen. „Frauen schreiben“ erweist sich als Fall eines schreibenden Mannes, den das auftraggebende Medium zerstört.

Serke merkt gar nicht, daß er seine eigenen, im essayistischen Vorwort proklamierten Einsichten verrät. Da bietet er eine aus Wahrheiten und Halbwahrheiten anmutsvoll gemischte, gut zu lesende Bestandsaufnahme, in der Männer der gegenwärtigen Literatur als „Resignationsriege“ bezeichnet werden, weil sie an der Realität oder an deren Verlust scheitern, während die doppelt belasteten Frauen sie bestehen und gestalten. Ihre Selbständigkeit bedeutet nicht Alleinsein-wollen. „Die Mehrzahl der Autorinnen deutscher Sprache haben sich nicht eingrenzen lassen durch die neuen Grenzen des Feminismus,“ hebt Serke hervor. Für die Aspekte ihres neuen Selbstbewußtseins bringt er viele gut gewählte Zitate bei. Ihre Bejahung der eigenen Sinnlichkeit, ihre Suche nach Liebe jenseits männlicher Unterdrückung, ihre aktive Teilhabe am gesellschaftlichen Prozeß, ihr Anzweifeln des Machtbegriffs werden deutlich gemacht. Kluge weibliche Worte, etwa von Christa Wolf: „Auch eine eingeschränkte Existenz läßt sich dehnen bis zu ihren Rändern, die vorher sichtbar sind. Nur das, wofür wir keine Sinne haben, ist uns verloren.“ Befremdlich wirkt nach solchen Bekundungen Serkes Neigung, innere Abhängigkeiten seiner Autorin zu enthüllen. Wo es irgend geht, ist bei ihm die Wirklichkeitserfahrung der Schriftstellerin auf die Beziehung zum Mann reduziert. Das gilt eingeschränkt sogar für Ilse Aichinger, die von Serke ausführlich und einfühlend interpretiert wird. Sieht man sie nicht auf Knien ihres Herzens vor dem Monument des toten Günter Eich?

In der „weiblichen“ Literaturgeschichte gibt es störende Lücken, es fehlt vor allem Marie Luise Kaschnitz, eine große Schriftstellerin, glücklich verheiratet, geformte Persönlichkeit – gab sie deshalb zu wenig her? An der gleichfalls fehlenden Hilde Spiel wäre zu zeigen gewesen, was auch beim Nachlesen von Rose Ausländer und Hilde Domin schmerzlich klar wird: Der Verlust an Geist durch den Verlust des Judentums, der Mangel an Welt bei den Jüngeren, nicht in ihr Herumgestoßenen. Flucht, Emigration, Vertreibung, das Erleben fremder Länder haben die künstlerischen Ausdrucksmöglichkeiten gesteigert, ja, manchmal erst geweckt.

Das gilt auch für Erica Pedretti, die, aus einer deutschen Familie in Mähren stammend, nach dem Krieg in der Schweiz und in New York lebte, dann einen Schweizer heiratete und jetzt im französischsprachigen Schweizer Jura wohnt. Das Leben ganz, ohne die chaotische Selbstbezogenheit mancher Jungen, Erica Pedretti lebt es. Fünf Kinder, ein malender Ehemann, Schreiben neben Putzen und Kochen, vielfache Belastung und Fülle, eine ganz eigenwillige Entwicklung – und keine Spur von Feminismus. Wenn ich nach diesem Buch irgendjemand kennenlernen möchte, so ist es diese Frau.

Ihr schönes Porträt sei Serke gutgeschrieben, ebenso wie das kurzgefaßte der offenbar nicht klatsch- und illustriertenwürdigen Hilde Domin. Auf zwei Druckseiten sagt er alles Wesentliche über sie, streift ihren Lebensgang, soweit er für ihr Werk wichtig ist, beschränkt sich dann auf dieses, greift ein wichtiges Domin-Gedicht heraus („Abel, steh auf“), druckt es ab und geht sogar auf den unterbewerteten Roman „Das zweite Paradies“ ein. Auf solchem Niveau hätte sich eine ernstzunehmende Darstellung von Frauenliteratur zu bewegen – konzentrierter, sachlicher, und ohne den Wahn, als könne man durchs private Schlüsselloch das Entstehen von Literatur studieren.

Daß ein künstlerisches Werk sich selbständig macht, dass es sein Eigenleben führt, neben der vielleicht kläglichen, vielleicht ausgebrannten Existenz der Schreibenden – sollte das bei Frauen anders sein?

In: Frau und Kultur. Erleben und Gestalten. 83. Jg., Heft 2, 1980, S. 18-19.