Frauen-Kultur-Archiv

Rheinische Fotografinnen der frühen Moderne

Interview mit Annelise Kretschmer

Wo und wie wuchsen Sie auf?

In Dortmund, in einer unkonventionellen Kaufmannsfamilie. Meine Eltern hatten ein in der Region sehr bekanntes Konfektionsgeschäft – ein sehr elegantes, in dem sie beide tätig waren. Ich hatte eine Schwester, Margot, sie wurde 1905 geboren und starb als junge Frau, und einen Bruder, Wilhelm, der war zwei Jahre älter als ich. Die Eltern waren kulturell sehr interessiert und führten ein offenes Haus, in dem auch Künstler verkehrten – Ernst Thoms z.B. wohnte und arbeitete längere Zeit in unserem Haus. Mein Vater sammelte Antiquitäten, die er meist von seinen Einkaufsreisen, die ihn häufig nach Paris führten, mitbrachte. Die drei Häuser, die die Eltern besaßen, waren übervoll mit seinen Sammlungsstücken. Beide Elternteile kamen aus Westfalen, der Vater meiner Mutter war Förster und der meines Vaters Kaufmann.

Ihr Vater war Jude. Wurden Sie in jüdischer Tradition erzogen?

Nein, wir wurden evangelisch erzogen, denn mein Vater war bei der Heirat zum evangelischen Glauben übergewechselt. Wir wußten, daß mein Vater Jude war, aber wir erfuhren zu Hause nichts über jüdische Geschichte.

Wo verbrachten Sie Ihre Schulzeit; hatten Sie in der Schule bestimmte Vorlieben?

Die Grundschule und auch später das Goethe-Gymnasium besuchte ich in Dortmund. Die Schule wurde in unserer Familie nicht sehr wichtig genommen, die Eltern stellten an uns keine besonderen Anforderungen. Wir Kinder wurden verwöhnt und bekamen meist, was wir wollten. Meine Mutter gab z.B. meinem Bruder einmal ein Schreiben mit in die Schule, in dem sie ihm erlaubte, während des Unterrichts zu gähnen. Auf der anderen Seite hatte die Mutter nie Zeit für uns; wir waren während des Tages dem Kindermädchen anvertraut.
Ich hatte keine besonderen Vorlieben als Schulmädchen – zu Hause interessierte mich die Sammlung des Vaters, aber eigentlich auch nur bestimmte Stücke. Eines Tages nahm ich mir das Selbstporträt von Paula Modersohn-Becker bei ihm von der Wand, um es in mein Zimmer zu hängen, und dort blieb es – er schätzte es nicht besonders. Bei den Lehrern hieß ich nur die Tochter von Max Weser, das war der Firmenname des elterlichen Geschäftes.

Was taten Sie 1919 nach Verlassen des Gymnasiums?

Ich wurde von den Eltern auf das Töchterbildungsinstitut von Dr. Weiss nach Weimar geschickt. Ich hatte zu der Zeit noch keine Vorstellung davon, was ich werden könnte und wollte. Die Eltern entschieden, und ich ging. Dort wurde man auf die zukünftige Haushaltsführung vorbereitet – ich erinnere mich, daß wir lernten, wie man einen Tisch besonders schön deckt, aber auch allgemeinbildende Fächer wie Deutsch und Geschichte.

Bekamen Sie in Weimar Kontakt zu Bauhäuslern?

Nein, aber wir erkannten sie im Straßenbild – ich erinnere mich an bunte, selbstgestrickte Strümpfe. Aber Näheres erfuhr ich damals nicht über das Bauhaus.

Sie kamen 1922 nach Dortmund zurück – hatten Sie inzwischen eine Idee, was Sie gern werden wollten?

Nein, was ich mir vorstellte, war eine Familie, einen Mann, aber vor allen Dingen Kinder zu haben – aber das war meine Vorstellung schon auf dem Gymnasium gewesen.

Wie kamen Sie dann zu dem Entschluß, nach München auf die Kunstgewerbeschule zu gehen?

Sehr gute Bekannte meiner Eltern, die Traubs, waren nach München gezogen und rieten mir diese Schule. Dr. Traub war ein freidenkender evangelischer Pfarrer, den man aus der Kirche ausgeschlossen hatte, weil er einen Selbstmörder beerdigt hatte. Mein Bruder und ich waren in Dortmund mit den Traub-Kindern sehr eng befreundet gewesen, und ich freute mich darauf, in der Familie dann wohnen zu können.

Wußten Sie, wie das Studium ablaufen und was Sie dort lernen würden?

Ich kannte in Dortmund andere Mädchen, die zum Beispiel in Wuppertal zur Kunstgewerbeschule gingen, so wußte ich einiges. Ich spürte, bevor ich überhaupt die Schule gesehen hatte, daß es nichts für mich sein würde. In der Schule war ich nie gut im Malen und Zeichnen gewesen. Mein Interesse, dorthin zu gehen, war die Familie Traub, deren Umgebung immer sehr lebendig war, und außerdem war ich neugierig auf München. Mein Bruder studierte dort Geschichte, er wollte Journalist werden.

Was lernten Sie an der Kunstgewerbeschule?

Zeichnen und ein wenig Buchbinderei – ich blieb zwei Jahre, die aber wenig erfolgreich waren. Die Kenntnisse des Buchbindens habe ich später in meiner Atelierarbeit gut brauchen können, wenn ich für die Kunden Alben herstellte. Berufliches interessierte mich damals wenig, ich suchte Freunde und eine warme, menschliche Umgebung. Von den Eltern wurde keine Entscheidung verlangt; so lebte ich ganz froh in München, ohne Gedanken an meine Zukunft, aber noch hatte ich nichts gefunden, was mir Spaß gemacht hätte zu tun.

Aber was zog Sie danach gerade in eine fotografische Ausbildung?

Die Schule in München war nicht das Richtige für mich gewesen, und Neigungen, ins elterliche Geschäft zu gehen, hatte ich nicht. Da hörte ich von einer Bekannten, daß es Fotografen gebe, bei denen man volontieren könne. Ich wußte damals sicherlich nicht genau, warum ich gerade die Fotografie wählte. Aber ich stellte mir vor, man würde viel mit Menschen zu tun haben, was mich interessierte.

Wie verlief Ihr anschließendes Praktikum bei dem Essener Fotografen von Kaenel?

Es war ein sehr kleines Atelier, in seiner Bescheidenheit auffällig. Ich konnte natürlich nichts, als ich dort hinkam; Lohn bekam ich als Volontärin übrigens nicht. Der Meister war ständig unterwegs, nicht geschäftlich, er war einfach abwesend und ich mußte schon sehr bald die tägliche Aufnahmearbeit übernehmen. Dabei blieb es, bis ich fortging. Für mich selbst fotografierte ich in dieser Zeit gern die Eltern und Geschwister, und für das elterliche Geschäft machte ich dann und wann Modefotos, die mir meine Mutter als Aufträge gab.

Gefiel Ihnen die Arbeit bei Kaenel – wie empfanden Sie die Ausbildung dort?

Spaß machte es mir dort, und ich erhielt auch erste Vorstellungen über den Beruf. Aber den Aspekt der Ausbildung nahm ich nicht sehr ernst. Bedenken Sie, daß wir von zu Hause überhaupt nicht zu beruflichen Entscheidungen gedrängt wurden. Wir Kinder waren sehr gebettet. Bei allen Vorteilen war das zahlende Elternhaus auch im Wege – alles wurde irgendwie offengelassen.

Las man in dieser Zeit bei Ihnen zu Hause Illustrierte, Magazine oder Modezeitschriften?

Im Geschäft gab es sicherlich Modezeitschriften, aber ich interessierte mich nicht für Mode. Sonst entsinne ich mich an die aus Essen kommende Wochenschau. Wir kannten den Redakteur Dr. Wahl, für den ich Ende der zwanziger Jahre auch einige Aufträge machte.

Wenn Sie nicht an Mode interessiert waren, wieso erschienen gerade Modefotos von Ihnen in der Wochenschau, oft als Illustrationen zu Frauenromanen?

Modefotos für „Max Weser“ war ein Gefallen, den ich meinen Eltern tat. Ich bekam ja immer Unterstützung von ihnen, wurde aber auch zum pflichttreuen Kind erzogen. Bei den Modefotos war mir die Mode sekundär – es waren Porträtaufnahmen, bei denen ich mit Stoffen und Accessoires spielen konnte. Häufig habe ich dabei meine Schwester und auch Freundinnen als Modelle genommen. Oft mußte ich aber die Mannequins aus dem Geschäft nehmen. Viktor Wahl von der Wochenschau suchte sich bei mir häufig Fotos für seine Zwecke aus.

Welcher Bereich der bildenden Kunst interessierte Sie neben der Fotografie?

Nach meiner Heirat mit dem Bildhauer Sigmund Kretschmer lebte ich durch ihn mit meinem Interesse an der Kunst. Durch ihn kam die Familie stärker mit moderner Kunst in Kontakt. Die Fotografie war für mich nie gleichzusetzen mit der bildenden Kunst. Fotografie ist etwas anderes; Fotos sind sehr konkret, und es können viele Dinge mit der Fotografie nicht ausgedrückt werden.

Warum entschieden Sie sich dennoch für das Medium; Sie hatten doch alle Wege offen?

Ich mag die Fotografie, aber die Kunst ist etwas anderes – schauen Sie einmal täglich auf das gleiche Foto oder auf das gleiche Gemälde!
Aber ich konnte nicht malen, und die Fotografie kam meinem Interesse am Menschen entgegen. Meine Laufbahn als Fotografin begann mit dem Porträt, und es blieb mein Hauptaufgabengebiet, an dem ich sehr viel Freude hatte und habe, ich fotografiere nur noch sehr wenig.

Nach Ihrer Volontärszeit gingen Sie nach Dresden. Warum gerade zu Franz Fiedler?

Durch Anstiftung einer Bekannten, der, die mich schon zu Kaenel vermittelt hatte. Sie schrieb mir, nachdem sie einige Zeit bei Fiedler gewesen war: „Komm doch nach Dresden – Kaenel ist doch nichts!“ Ich folgte ihr, meine Eltern hatten nichts dagegen. Er war gleich überzeugt von mir, und ich konnte anfangen; meine Mutter mußte 250 Mark im Monat für meine Volontärsstelle zahlen. Ich ging nicht aus Begeisterung für Fiedlers Arbeiten zu ihm, denn seine Fotografien habe ich nie besonders gemocht.

Was lernten Sie dort?

Zu meiner Zeit waren dort noch drei oder vier Volontärinnen, darunter die beiden Schwestern Päßler und Leni Junghans als Angestellte. Die Volontärinnen assistierten bei Aufträgen und lernten darüberhinaus Edeldrucke zu machen. Fiedler war bekannt für seine Bromöldrucke. Viele kamen, um gerade diese Drucktechnik bei ihm zu erlernen. Trotz seiner Bekanntheit hatte Fiedler nie Geld, und meine Mutter, die gern eine Stifterrolle übernahm, unterstützte ihn mehrmals.

Wer waren die Kunden; machte Fiedler in der Hauptsache Porträtaufnahmen?

Neben der Porträtarbeit nahm er Aufträge für die Fotoindustrie an. Er testete unter anderem Fotopapiere für die Firma Mimosa. Ich reiste häufig mit ihm, wenn er Filmmaterial ausprobieren sollte; wir machten z.B. eine Italienreise, auf der er mich oft fotografierte.

Hatten Sie bei Fiedler auch die Möglichkeit, eigene Arbeiten zu machen?

Ich konnte zu jeder Zeit an meinen Sachen arbeiten. Ich machte in dieser Zeit meine ersten Versuche, den Menschen so darzustellen, wie er sich gibt. Ich wollte seine Eigenart erfassen und betonen. Dabei interessierten mich besonders solche Personen, die meinten, unfotogen zu sein. Aber wie schon erwähnt, lernte ich dort den Bromöldruck.

Warum wählten Sie gerade Ihre frühesten Aufnahmen, die Sie auf einer Reise gemacht hatten, für diese Drucke?

Zu den Fotos, die ich Ende der zwanziger Jahre aufnahm, paßte die Drucktechnik weniger gut – mir schienen die atmosphärischen Reisebilder geeigneter. Vielleicht wollte ich diese alten Aufnahmen auch aufwerten. Aber letztlich haben mich diese Edeldruckverfahren nur am Rande interessiert.

Wann und mit wem hatten Sie diese Reise gemacht?

Nachdem mein Bruder aus Examensangst sein Studium abgebrochen hatte, ging es ihm sehr schlecht, und meine Eltern baten mich, mit ihm zu verreisen. Das war 1922, und wir fuhren nach Nordafrika. Meine Mutter lieh mir für die Reise eine 6×9 Plattenkamera, die ihr unser Arzt geschenkt hatte.

Sechs Jahre später reisten Sie nach Paris; die dort entstandenen Aufnahmen zeigen eine neue Auffassung, was hatte sich geändert?

Auf beiden Reisen habe ich als Touristin fotografiert – ich wollte reisen, aber nicht nur, um zu fotografieren. Als ich in Paris fotografierte, brauchte ich nicht mehr an die Technik zu denken, ich war sicherer und konnte direkter fotografieren. Ich wollte von meinen Erlebnissen auf der Straße, von der Beweglichkeit der Stadt Fotos machen. Ich erfuhr auf dieser Reise, daß man aus einfachen Situationen Bilder machen kann, aber ich sah Paris auch zum ersten Mal.

Hatten Sie Ende der zwanziger Jahre Kontakte zu anderen Fotografen außer zu dem Fiedlerkreis, und gab es Publikationen, die Sie der Fotos wegen verfolgten?

Während ich in Dresden war, habe ich sicherlich die Fotozeitschriften regelmäßig angeschaut und auch meine Fotos hingeschickt – das taten die anderen auch. Ich hatte aber nie ein ausgeprägtes Fachinteresse. Persönliche Kontakte zu anderen Fotografinnen und Fotografen hatte ich nicht. Ich kannte aber die Arbeiten von Renger-Patzsch, von Moholy-Nagy und Hans Finsler. Das fotoauge war mir eine Zeitlang ein wichtiges Buch, obgleich ich viele Sachen darin nicht mochte, z.B. die montierten Werbesachen.

1929 und 1930 wurden Ihre Fotos in großen, internationalen Wanderausstellungen gezeigt; hatten Sie sich um eine Beteiligung bemüht?

Ich kann mich im einzelnen nicht mehr erinnern, aber häufig wurde ich zu Ausstellungen eingeladen – man hatte wohl Fotos von mir in Zeitschriften gesehen. Ich war nie sonderlich an Fotoausstellungen interessiert; Sie haben ja bei mir auch leider keine Dokumente aus dieser Zeit finden können. Wenn man mich dann anschrieb, habe ich mitgemacht, denn es freute mich, daß jemandem meine Fotos gefielen. Nach meiner Heirat und dem ersten Kind blieb mir dann wenig Zeit, inzwischen hatte ich das Atelier eröffnet.

Wie dachten Ihre Eltern über Ihren Beruf; finanzierten sie Ihnen das Atelier?

Sie hielten meine fotografischen Versuche mehr oder weniger für Spielerei. Als ich dann 1928 einen Künstler heiratete, wollten sie mir eine sichere Existenz verschaffen. Sie unterstützten mich, wenn’s not tat, bis Ende der dreißiger Jahre. Trotz der familiären Kontakte im Ort dauerte es einige Jahre, bis sich meine Arbeit herumgesprochen hatte und ich einigermaßen verdiente. Sicherlich haben meine Eltern nie daran gedacht, daß ich mit diesem Beruf vier Kinder großziehen könnte.

Wenn Sie zurückdenken an Ihre Freundinnen und Kolleginnen – wie dachte man zur Zeit Ihrer Ausbildung über Frauen im Berufsleben?

Wir haben es gelebt, andere sind dafür eingetreten. Ich hatte kein Bewußtsein von der Notwendigkeit eines Berufs für die Frau – ich wollte eine Familie, aber zugleich auch meinen sehr zufällig begonnenen Beruf weiterführen. Das Fotografieren machte mir inzwischen sehr viel Freude. Ich zog damals wenig in Zweifel, und nach der Heirat war es mir selbstverständlich zu arbeiten, denn mein Mann konnte in seinem Beruf nur selten etwas verdienen.

Hat die Heirat Ihre berufliche Entwicklung gehemmt?

Eigentlich nicht. Durch meinen Mann lernten wir Künstler kennen, was mir Anregungen gab. Mein Mann half mir auch sehr viel im Atelier oder nahm die Kinder, wenn ich zu tun hatte.

Sie lernten Ihren Mann in Dresden kennen; warum ließen Sie sich in Dortmund nieder?

Mein Mann war aus Lodz; hatte dann in Breslau bei Otto Mueller und in Dresden Bildhauerei bei Albiker studiert. Wir gingen nach Dortmund, weil uns eine Unterstützung der Eltern dort sicher war. Mein Atelier hatte ich im Geschäftshaus, und meine Buchhaltung wurde z.B. im Büro meines Vaters miterledigt.

1926 wurden Sie Mitglied der Gesellschaft Deutscher Lichtbildner; wie kam es dazu – gab es persönliche Kontakte zu anderen Mitgliedern?

Es geschah auf Anregung von Fiedler. Ich beteiligte mich an einigen Gruppenausstellungen, aber persönliche Kontakte, auch auf Mitgliederversammlungen, bestanden nur zu Fiedler und Erich Angenedt.

Als Halbjüdin wurden Sie 1933 aus der Gesellschaft ausgeschlossen; gab es hierauf Reaktionen von Kollegen?

Nein, nicht daß ich wüßte.

Wie reagierten Sie darauf und wie war es Ihnen möglich, unter den Nationalsozialisten weiterzuarbeiten?

Die GDL-Entscheidung war ein erstes Anzeichen; ich ahnte, was auf mich zukam, wußte aber nie genau, wie lange ich weiterarbeiten könnte. In den späten dreißiger Jahren war ich inzwischen als Fotografin in Dortmund bekannt und genoß viele persönliche Sympathien. Aber um 1938 gingen die Aufträge merkbar zurück, obgleich Nazifunktionäre ins Atelier kamen und mich sogar Veranstaltungen fotografieren ließen. Das war mir peinlich, da ich eigentlich unerwünscht war – ich hab’s gemacht, denn die Familie mußte ernährt werden. Zum Glück wohnten wir mietfrei im Hause meiner Mutter.

Was geschah mit Ihren Eltern und Ihrem Bruder?

Meine Mutter hatte das Geschäft 1933 auf Ihren Namen umschreiben lassen, so wurde es weitergeführt. Mein Vater starb 1934. 1938 wurde das Geschäft dann von meiner Mutter aufgegeben. Sie zog sich auf Anraten ihres Arztes in die Nähe des Sanatoriums Wiesneck bei Freiburg/Breisgau zurück, wo sie anthroposophisch arbeiten wollte. Das Geschäft meines Bruders in Essen war auch auf den Namen seiner Frau übertragen worden und wurde weitergeführt. Mein Bruder hat sich zeitweilig bei Freunden versteckt gehalten.

Hatten Sie je erwogen, Deutschland zu verlassen?

Es gab Überlegungen, aber keine konkreten Entschlüsse. Es war nicht leicht mit drei kleinen Kindern. Es gab die Idee, zu den Eltern meines Mannes zu ziehen, aber letztlich wollten wir nicht fort. Wir blieben und lebten in Furcht vor Schikanen und Verfolgung. Aufgrund einer Denunziation von seiten des Mädchens, das mir im Haushalt half, wurde ich von der Gestapo verhört, denn bei uns durften keine Hitlerreden im Radio verfolgt werden.

1938 bekamen Sie Ihr drittes Kind und Christiane wurde 1940 geboren; wie wurden Sie mit der Situation Familie und Beruf fertig?

Im Atelier war wenig zu tun, außer den Paßbildschüben durch die Soldaten kam dann und wann eine Porträtaufnahme. Mein Mann hatte sein Atelier bei der Wohnung und nahm sehr oft die Kinder. Zusätzlich gab es eben eine Hilfe für den Haushalt. Ich hatte wenig Zeit für die Kinder, aber war doch nicht angestellt und konnte meine Arbeit bedingt einrichten.

Haben Sie die Kriegsjahre in Dortmund verbracht?

Gegen Ende des Krieges, als Dortmund bombardiert wurde, fand ich mit meiner Familie eine Unterkunft auf einem Bauernhof in der Nähe von Wiesneck, wo meine Mutter bereits wohnte. Von dort aus fuhr ich in Abständen nach Dortmund, um alte Kunden zu besuchen und etwas Geld zu verdienen. Wir wären nach dem Kriege gern dort unten geblieben, aber es gelang mir nicht, in Freiburg als Fotografin Fuß zu fassen. Wir zogen dann 1950 nach Dortmund zurück, um mein Atelier wiederzueröffnen.

War es im Umfeld von Wiesneck, daß Sie sich mit der Anthroposophie zu beschäftigen begannen?

Meine Mutter war schon Anfang der dreißiger Jahre durch unseren Hausarzt zur Anthroposophie gekommen. Sie hatte die Tendenz, uns Kindern ihre Ideen gleich überzustülpen, was bei mir immer Abwehr erzeugte. Später auf dem Laubishof, bedingt durch Personen, die ich in Wiesneck kennenlernte, gewann ich grundlegende Kenntnisse über und innere Hilfe durch die Anthroposophie.

Meinen Sie rückblickend, daß diese Auseinandersetzung auch Ihre Fotografie beeinflußt hat?

Ja – aber nicht in der Weise, daß ich die Erkenntnisse beim Fotografieren direkt angewandt hätte, sondern indirekt dadurch, daß ich ein lebendiger Mensch geworden bin. Es hat mein Verständnis für andere Menschen erweitert, was meine Arbeit als Porträtfotografin gefördert hat.

Kann man ein Porträtatelier erfolgreich nach eigenen Ansprüchen führen, oder ist man ständig in Konflikt mit den Vorstellungen der Kunden?

Mit Unterbrechungen führte ich mein Porträtatelier insgesamt fünfzig Jahre. Kompromisse an die Kunden sind mir nie ein Problem gewesen. Die meisten Leute, die zu mir kamen, wußten, wie ich fotografiere, sie kannten meinen Stil. Anders kann ich nicht fotografieren, und in den meisten Fällen überzeugten meine Fotos. Die wenigsten Kunden haben konkrete Vorstellungen; natürlich möchten sie ein gutes Bild von sich. Das Gelingen eines Porträts liegt letztlich bei der Fotografin.

Was bedeutet für Sie ein gutes Porträt?

Bei einem guten Foto ist die Idee in die Wirklichkeit und die Wirklichkeit in die Idee erhoben. Die eigentliche Schwierigkeit bei der Porträtfotografie ist es, den Menschen zu einer Selbstdarstellung zu bewegen, in der seine wesentlichen Charakterzüge zum Ausdruck kommen. Die Fotografie war mir dazu immer ein selbstverständliches Mittel, mit dessen Hilfe man einen Menschen erfassen kann. Oft waren meine Kunden erstaunt, daß die Aufnahme bereits geschehen war, als sie noch auf einen „steifen und förmlichen Akt“ warteten. Wenn der Fotograf es schafft, einen Kontakt zu seinem Gegenüber herzustellen, dann kann eine Charakterisierung gelingen. Ich habe Familien durch mehrere Generationen hindurch fotografiert, aber ebenso reizt es mich immer wieder, aus einer ersten Begegnung heraus das Wesen einer Person zu erfassen.

Wer waren Ihre Porträtkunden nach dem Krieg?

Die Paßbildkundschaft kam aus allen Schichten der Gesellschaft. Die Porträtkundschaft, die Familienaufnahmen wollte, kam hauptsächlich aus den Kreisen der Wirtschaft und Industrie – im Gegensatz zu anderen Städten, in denen es ein aktiveres Kulturleben gab, wo mehr Künstler und Akademiker lebten. Als Atelierfotografin wurde ich von den Kunden aufgesucht, denen bislang niemand ein gutes Bild gemacht hatte, nach eigenen Aussagen. Andere kamen in der Meinung, ich würde besonders schöne Porträts machen. Als „Hausfotografin“ gehörte ich bei manchen Kunden bereits ein Stück zur Familie. Die Personen hatte ich oft bereits als Kinder, als Brautpaar und dann mit den eigenen Kindern fotografiert.

Die letzten zwanzig Jahre arbeiteten Sie mit Ihrer Tochter Christiane zusammen. Wer tat was?

Diese Jahre meiner Arbeit waren besonders schön und zufrieden, denn wir ergänzten uns sehr gut. Die Zusammenarbeit war so nahtlos, daß die Kunden oft nicht wußten, wer von uns die Aufnahme gemacht hatte. Christiane übernahm in jedem Fall immer die handwerklich kniffligen Arbeiten.

Gab es neben den Aufträgen auch Themen, die Sie sich selbst stellten?

Ja, es waren auch Porträtaufnahmen. Ich fragte Personen, die mich interessierten, und machte eine Aufnahme für mich – diese Bilder stellte ich dann in meinem Schaukasten aus, auf den mich Fotointeressierte oft begeistert ansprachen.

Frau Kretschmer, was verdienten Sie als Porträtfotografin in den dreißiger Jahren im Monat und wie steigerte sich Ihr Verdienst von 1950 bis 1978?

Ich habe immer wenig verdient, erhielt in den dreißiger Jahren, wie gesagt, noch Unterstützung von zu Hause. Als ich 1950 nach Dortmund zurückkam, brauchte ich wieder einige Jahre Anlaufzeit – in diesen sehr schwierigen Jahren wurde ich zeitweilig von einer guten Freundin unterstützt. Ich hatte nach dem Zweiten Weltkrieg zusätzlich zu den Kindern noch meine Mutter zu pflegen. Ich weiß nicht, wieviel ich verdient habe – es reichte immer, mehr oder weniger, gerade. Ich habe das Glück, heute mit meinen Kindern zusammenzuleben – ich habe keine Rente.

Gibt es in Ihrem Werk Bilder, die Sie als besonders wichtig hervorheben würden?

Es gibt Zeiten, da mag man das eine, und andere Zeiten, da liebt man andere Bilder. Rückblickend auf meine fünfzigjährige Berufstätigkeit muß ich sagen, daß mir alles gleich wichtig ist. Mich interessierte, was ich fotografierte, und der Einsatz war jedesmal da – ich habe getan, wozu ich imstande war. Mein Beruf wurde eine selbstverständliche Hingabe an die Arbeit, ebenso als Handwerk, ebenso als künstlerische Äußerung und als immer neue Quelle menschlicher Beziehungen und dadurch menschlichen Reichtums.

Dieses von Ute Eskildsen geführte Interview erschien erstmals 1982 in dem Ausstellungskatalog: Annelise Kretschmer. Fotografin, Museum Folkwang, Essen.
Wieder abgedruckt in:
Esther Ruelfs: Annelise Kretschmer. Fotografien 1927-1937. Göttingen 2003, S. 75-83