Frauen-Kultur-Archiv

Rheinischer Kulturjournalismus

Lebendige Liebe formt die Sprache

Frauenlyrik seit 1900/ Verse, die vom "bösen Bann" erlösen

Durch ihre Natur ist die Frau der Erde verhaftet. Und es ist darum nicht schwer zu erraten, warum ein Teil der Dichterinnen nicht mehr die eigene Liebe, den Eros, besingt, sondern daß einige Frauen nach zwei Kriegen, nach Verfolgung und Bedrohung durch Atombomben, zu Sibyllen und Kassandren wurden. Gerade ihre Gedichte atmen am stärksten die Liebe zur geschändeten Natur und zur gefährdeten Welt.

"Unter dem sapphischen Mond" lautet der Titel eines neuen Piperbändchens, das von Oda Schaefer herausgegeben und in einem Nachwort gedeutet wurde. Es umfaßt mit ausgewählten Gedichten die deutsche Frauenlyrik seit 1900. Über dreißig Dichterinnen wurden berücksichtigt. Trotz dieser großen Zahl ist aber die künstlerische Qualität dabei immer gewahrt worden. Es wird nicht leichtfallen, eine Auswahl zeitgenössischer männlicher Lyrik von gleichem Rang zusammenzustellen.

Diese Verse beweisen, daß die künstlerische Tradition hier bis heute erhalten blieb und daß die Frauen darum berechtigt sind, sich auf Sappho zu berufen. Diese erste Lyrikerin des europäischen Raumes kann den Mond, den stillen Gefährten der Nacht, nicht sehnsüchtiger gesucht und angerufen haben als diese Dichterinnen unseres Jahrhunderts. Sie verloren nicht den Zusammenhang mit den Urphänomenen wie Natur, Liebe, Geburt und Tod. Und nur weil sie sich als Geschöpf Gottes spürten, entgingen sie jener unfruchtbaren Verzweiflung, die heute die Geistessubstanz zu zerstören droht. In der Sprache dieser Dichterinnen ist noch die göttliche Spur, die Liebe, die das Geheimnis durchleuchtet, ohne es preiszugeben, und die das Unhörbare hörbar zu machen versteht.

Wenn die Liebe in der Sprache fehlt, dann kann kein schöpferischer Akt erfolgen. Diese zarten Lieder stellen sich der Auflösung hindernd entgegen. "Das tödlich Bedrohte flieht in den Vers und erlöst sich dort vom bösen Bann", deutet Oda Schaefer diesen wunderbaren Vorgang. Bis zur Selbstaufgabe steigert sich die Liebe bei Else Lasker- Schüler, als sie vereinsamte:

Wenn es an mein Haus pochte,War es mein eigenes Herz.
Das hängt an jedem Türpfosten,
Auch an deiner Tür.

Und Martha Saalfeld bekennt: "Das Herz des Vogels ist geängstigt und das Herz des Dichters…"

Überall lauert Betrug und überall lauern Gefahren. Welche Tragödien verbergen sich hinter den Gedichten der Gertrud Kolmar, die auf dem Wege nach Auschwitz verschollen blieb. Else Lasker-Schüler starb enttäuscht in Jerusalem, das ihrer Vorstellung von einer alttestamentarischen heiligen Stadt nicht standhalten konnte. Elisabeth Langgässer wurde als Halbjüdin verfolgt, erlag einer Nervenkrankheit, der sie jahrelang, im geheimen arbeitend, ihre Dichtung entgegengesetzt hatte. Ricarda Huch mußte dem Zusammenbuch ihrer humanen Lebensart zusehen. Regina Ullmann flüchtete über die Dächer der Nebenhäuser vor den Verfolgern, das Klirren ihrer alten Hinterglasbilder in den Ohren, zu Max Picard in die Schweiz. Die zarte Poetin Emmy Ball-Hennings eröffnete nach dem ersten Weltkrieg mit ihrem Mann Hugo Ball das Cabaret Voltaire in Zürich, wo sie versuchten, aus den geistigen Trümmern die Bausteinchen zu picken und mühsam wieder zu einem neuen soliden Geistesbau aufeinanderzusetzen. Hermann Hesse war einer ihrer großen Verehrer. Für die damalige suchende und um geistige Werte ringende Jugend gab dieses Ehepaar wesentliche Ziele und Leitbilder.

Das ist der Sinn der Kunst, daß sie uns bilde und uns den Weg zu uns selbst weise. Wie stark geht diese Kraft gerade von den ganz persönlichen Gedichten der Cläre Goll aus. Sie lebt einsam in New York. Seit Ivan Goll starb, ist ihre Sonne erloschen. Ihre Gedichte waren sehnsüchtige Tränen, die dahinfließen, um den Schmerz über das Vergängliche zu lösen, der unser aller Schmerz ist.

Die Sprache hat die wunderbare Macht, eine geistige Gemeinschaft zu bilden. Wer danach sehnsüchtig ist, der kann sie in diesem Lyrikband finden, der noch viele Schätze enthält, die wir hier nicht alle sichtbar machen konnten.

In: Der Mittag, 26. Juni 1957