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Rheinischer Kulturjournalismus

Gerda Kaltwasser: Tourismus in China: Mit Maos Mütze auf die Mauer

China – das bedeutet für uns Menschenmassen und strenge Geburtenregelung. Wir denken an Tempel, an tropische Wälder. Der eine schüttelt sich beim Gedanken an gebratene Hunde, der andere beim Gedanken an hundertjährige Eier. China, das erinnert auch an Katastrophenmeldungen. Noch in diesem Frühjahr war von Dürrekatastrophe in der einen, schrecklicher Überschwemmung in einer anderen Provinz zu lesen. China ist eine Welt für sich, fremd, liebenswürdig, lebenslustig und von furchteinflößender Energie. Diese Herausforderung übersteigt jene durch den Nachbarn Japan bei weitem.

Nichts ist gegenwärtig so schnell überholt wie ein Reiseführer über die Volksrepublik China. Wenn das Buch in den Handel kommt, stimmten nur noch die historischen Daten, die kunstgeschichtlichen Kapitel. Handel und Wandel, das Alltagsleben der ehemals blauen Ameisen entwickeln sich atemberaubend geschwind und nicht geradlinig, sondern in Form artistischer Purzelbäume. Mit der Folge, daß es in China heute schon Probleme gibt, die wir mit unserem Gesellschaftssystem identifizieren.

In der Hauptstadt Beijing wachsen die Wohnblocks gleich hinter den alten Flachbauten, die eng ineinandergeschachtelt um kleine Höfe gebaut sind, empor. Ist ein Hochhaus fertig, werden die alten Häuschen abgerissen. Gegen den Protest ihrer Bewohner, die die Entwurzelung fürchten. Es gibt nicht nur Mietwohnungen, auch Wohneigentum. Doch vor allem die älteren Leute fühlen sich heimatlos und verloren in den neuen Waben.

„Das Alte“ stammt inzwischen nicht mehr nur aus der Zeit vor der Revolution, alt ist auch schon die Zeit Maos. Ungeniert wird die Mao-Mütze mit dem roten Stern und anderen Abzeichen als Souvenir verkauft und nicht nur von West-Touristen getragen. Das junge chinesische Liebespaar, das einen freien Tag in der Schlange von vielen hundert einheimischen und fremden Touristen auf der Großen Mauer verbringt, setzt selbstverständlich so eine Mütze kess auf die Ohren. Mao hat viel getan für das chinesische Volk, Mao ist tot. Sie aber wollen leben; wenn möglich, täglich ein wenig besser.

Fanggitter

Es scheint möglich zu sein. Kühlschrank und Farbfernseher sind die meistbegehrten Konsumziele. Private Kraftwagen gibt es kaum. Die Chinesen sind noch immer ein Volk auf Fahrrädern, ohne Beleuchtung, aber mit phonstarken Klingeln, die zu einem begehrten Mitbringsel der Touristen wurden. In Beijing haben alle Lastwagen seitlich zwischen den Rädern ein Fanggitter, um die Zahl der tödlichen Unfälle mit Radfahrern – monatlich etwa 15 – zu verringern.

In den Touristenzentren – neben Beijing, Shanghai, Nanjing ist das vor allem Xi’An wegen der weltberühmten Ausgrabungen der Terrakotta-Armee – schießen die Luxushotels nach amerikanischem Muster und mit amerikanischem Kapital aus dem Boden. „Joint venture“ ist das Zauberwort. Die Amerikaner scheinen auf die chinesische Zukunft zu setzen. Mit Grund. In diesem Jahr hat der Touristenstrom die Qualität einer Sturmflut erreicht.

Sie drohte zeitweise die noch junge Tourismusorganisation im Land hinwegzuspülen. Vor allem in den bisher wenig erschlossenen Westgebieten Chinas fehlt es an Hotels, aber auch an Dolmetschern, vor allem deutschsprachigen. Unbekümmert vertrauen die meist noch jungen, eben den Universitäten entwachsenen Fremdenführer darauf, daß „doch alle Deutschen englisch sprechen“. Das Ergebnis ist unwilliges Murren in den Bussen mit wissenshungrigen Touristen, denen wieder einmal die Erklärung einer Buddha-Statue in den Dunhuang-Grotten entgeht. In Peking in den kaiserlichen Palästen und Gärten oder in XiÀn zwischen den tönernen Soldaten des Kaisers Quin Shi Huang Di ist das anders. Dort gibt es soviel zu sehen und (auch auf Deutsch) zu hören, daß am Anfang einer Reise „auf der alten Seidenstraße“ von Chinas Ostprovinzen in den Westen anderes Murren laut wird: „Wir wollen auch die Leute heute kennen lernen.“

Dazu ist dann reichlich Gelegenheit, vor allem bei Tag- und Nachtfahrten in Zügen, in denen die Reisenden meist regelrecht in Lagen gestapelt unterwegs sind. Sie liegen unter und auf den Bänken, schlafen stehend, geduldige Babies auf dem Arm, in Gängen und Toiletten, lassen ohne Zorn, oft mit einem Lächeln, das Drängeln der glücklicheren Reisenden über sich ergehen, die einen Platz im Schlaf- und Speisewagen haben, sich von dem einen zum anderen Aufenthaltsort aber meist einen Weg durch bis zu 20 Waggons bahnen müssen. Wer diesen Weg einmal hinter sich hat, unternimmt ihn nicht ein zweites Mal, verzichtet lieber auf die nächste Mahlzeit.

Verkehrsprobleme

Die Bahnstrecke quer durchs Land ist eingleisig, nur an den größeren Stationen gibt es ein Gleissystem. Schwere alte Dampfloks ziehen den fast kilometerlangen Zug durch Wüsten und gewaltige Gebirge, bei größeren Steigungen werden zwei Loks vorgespannt. Hin und wieder bekommt der Zug einen Schluckauf: Dann fliegen Koffer aus den Netzen, stürzen die großen Thermoskannen mit immer glühheißem Wasser für den Tee in den Gang.

Das Eisenbahnnetz in dem riesigen Land ist kaum entwickelt. Entgleist ein Zug, ist die Strecke oft tagelang blockiert. Die Straßen werden außerhalb der Ortschaften zu nur mühsam befahrbaren Pisten. In den Wüstengebieten sind sie wegen der starken Stürme im eisigen Winter unbefahrbar, selbst schwere Lastwagen würden umgeweht. Der Liniendienst der staatlichen Fluggesellschaft CAAC wird auf weite Strecken zum Bedarfsluftverkehr. Ist die Maschine von Peking nach Urumqui, der Hauptstadt der autonomen Provinz Sinkiang, nicht genügend gebucht, fällt der Flug aus, die Reisenden sitzen im fernen Urumqui oder noch ferneren Kashgar fest, müssen auf Bahn oder Omnibus umdirigiert werden. Das Improvisationstalent der Chinesen wird immer wieder gefordert. Für die Touristen, aber auch die Geschäftsreisenden, die in immer größerer Zahl unterwegs sind, bedeutet das Abenteuer und Ungewißheit, vor allem aber Zeitverlust.

Doch wieso Verlust? Es gibt soviel zu erleben. Die Westprovinzen unterscheiden sich stark von den Gebieten, die von den buddhistischen Han-Chinesen bewohnt werden. Statt der Tempel bestimmen moslemische Moscheen das Bild der Ortschaften. Die Lebensart hier ist geruhsamer, erinnert an die Türkei, an arabische Länder. Auf dem Speisezettel steht Lammfleisch. Reis tritt in den Hintergrund gegenüber den Fladenbroten. Die Märkte sind bunt und reich bestückt mit Gemüse, Obst, Fleisch und köstlichen Süßwasserfischen. Auf Esels- und Maultierkarren werden Waren und Menschen transportiert. Mit Begeisterung liefern sich die Kutscher, oft noch Kinder, mit ihren Touristenfrachten auf zweirädrigen Karren Wettrennen auf Straßen voller Schlaglöcher und Wasserrinnen. Kleine Geschenke – der einfache Kugelschreiber ist freilich kein beeindruckendes Angebot mehr – werden von der ganzen Familie bewundert. Feilschen um den Preis ist selbstverständlich, aber die Anfangsforderungen sind noch nicht so phantastisch wie in Touristengegenden Ägyptens oder Nordafrikas. Wie lange noch? Die Touristen, die die niedrigen Preise mit üppigen Trinkgeldern ausgleichen, sorgen schon dafür, daß auch der kleine Kashi bald merkt, wohin der Hase läuft.

In den schon erschlosseneren Gebieten, etwa am Anfang der Großen Mauer, ist die „Touristen-Anmache“ bereits Alltagsgeschäft. Hier ist’s auch erheblich teurer als in den westlichen Provinzen. Auch das übrigens ein Ergebnis der freieren Wirtschaft. Unter Mao galten Einheitspreise, war allerdings die Versorgung einheitlich karg, soeben zum Leben ausreichend.

Neue Kaufhäuser

Heute werden fast täglich neue Kaufhäuser eröffnet, nicht nur Freundschaftsläden, wo der Tourist mit dem eigens für ihn geschaffenen Geld Seide und Lackarbeiten, Jadeschnitzereien und Schmuck oder Vasen aus Cloisonnée kaufen kann. Auf den Märkten und im Kaufhaus wird mit Renminbi, der einheimischen Währung, bezahlt. Es gibt einen grauen Markt, auf dem der Touristen-Yüan günstig gegen Renminbi getauscht werden kann. Wer sich auskennt, kann auf diese Weise außerordentlich billig leben. Junge und nicht mehr so junge Rucksacktouristen wissen dies zu schätzen, genau wie die preiswerten Massenunterkünfte in großen, mit Matratzen ausgelegten Schlafsälen.

Wer nicht mit dem Rucksack reist, braucht stabiles Gepäck und zumindest eine Krawatte – Damen vergleichbar Formelles. Denn in Xi’An lockt neuerdings eine große China-Schau mit Bankett: „The Tang Dynasty“.

Gerda Kaltwasser
In: Rheinische Post. Reise-Journal, 5. November 1988