Frauen-Kultur-Archiv

Literatur-Nobelpreisträgerinnen 1909-1989

Pearl S. Buck: Nobelpreisträgerin aus den USA von 1938

Frühe Entwicklung im Banne der chinesischen Kultur

Pearl Comfort Sydenstricker wurde am 26. Juni 1892 in Hillsboro, einem Dorf in West-Virginia geboren. Ihre Eltern wirkten beide als presbyterianische  Missionare in China und so verbrachte Pearl fast ihre gesamte Kindheit und Jugend in China, in der Stadt Chinkiang. Da die Eltern sich entschieden hatten, integriert in der chinesischen Gesellschaft zu leben, lebte auch sie in engem Kontakt mit der chinesischen Kultur. Sie spielte nicht nur ständig mit den chinesischen Nachbarskindern, sie hatte auch eine alte, chinesische Kinderfrau, die sie mit den Märchen und Erzählungen Chinas vertraut machte. Zusätzlich zur Unterrichtung durch die Eltern, die vor allem die Vermittlung von christlichen Werten betonten, erhielt sie Unterricht durch einen konfuzianischen Gelehrten, der sie chinesische Schrift und Sprache lehrte. Die Mutter förderte früh ihre ersten Schreibversuche.

College-Ausbildung in den USA und Rückkehr nach China

1910 wurde ihr für vier Jahre der Besuch in einem Frauen-College der USA, im Randolph-Macon College ermöglicht. Die Schwerpunkte ihrer Studien bildeten die Fächer Philosophie, Psychologie und Englische Literatur. Sie schrieb einige Erzählungen und Gedichte für die College-Zeitung. Nach Beendigung des College-Studiums im Juni 1914 wurde ihr von ihrem Professor für Psychologie eine Assistentenstelle angeboten, die sie auch annahm. Doch die schwere Erkrankung ihrer Mutter veranlasste sie, zurück im November nach China zu gehen und die Mutter zu pflegen. Sie übernahm für die Mutter auch den Missions-Unterricht, u.a. in der chinesischen Knabenschule. 1917 heiratete sie John Lossing Buck, der im Rahmen der Mission als landwirtschaftlicher Berater arbeitete. Sie hatte durch ihn engen Kontakt mit der Landbevölkerung. Das Paar zog nach Nanking, wo sie eine Tochter gebar. Nach dem Tod ihrer Mutter schrieb sie deren Biographie auf der Basis ihres Tagebuchs; erst 1936 veröffentlichte sie diesen Text unter dem Titel „The Exile“.

Erste Veröffentlichungen

Im Januar 1924 wurde ihr erster Essay „In China, Too“ im Journal „The Atlantic Monthly“  abgedruckt. Im Sommer zogen die Bucks für ein Jahr nach Ithaca, wo sich beide an der Cornell University einschrieben. Er wollte seinen Master in Agrarwissenschaft machen und sie ihren Master in Englischer Literatur. Da die Finanzierung ihres Amerika-Jahres schwierig war, versuchte sie durch Schreiben Einkünfte zu erzielen. Sie schrieb eine Novelle und reichte sie zur Publikation in der Zeitschrift „Asia“ ein. Diese und eine weitere wurden gedruckt. Sie bewarb sich für den Laura L. Messenger Memorial Prize der Cornell-Universität, einen Essay-Preis und erhielt ihn 1925 für ihren Beitrag „China and the West“, in dem sie sich kritisch mit dem Umgang westlicher Missionare mit der chinesischen Kultur auseinandersetzte. Sie und ihr Mann erreichten den angestrebten Master-Titel.

Der erster Bestseller

Als die Revolution 1927 auch Nanking erreichte, wo sie inzwischen an der Universität unterrichtete, mussten die Bucks untertauchen. Das Manuskript des ersten Romans ging in den Revolutionswirren verloren. Der neu konzipierte Roman „East Wind, West Wind“ erschien 1930 und erzählt die Geschichte eines jungen chinesischen Paares. Der Mann hat Medizin in den USA studiert und ist nach China zurückgekehrt. Er folgt dem Willen seiner Eltern und heiratet eine für ihn ausgesuchte Frau. Innerhalb der Ehe möchte er eine gleichberechtigte Partnerschaft leben, was seine noch in den alten Bräuchen Chinas aufgewachsene Frau zunächst mit Unsicherheit erfüllt. Im Laufe des in Form eines Tagebuchs geschriebenen Romans, kann sie ihre Unsicherheit überwinden und begreift sich inmitten eines Konflikts zwischen Ost und West. Diese Thematik steht in vielen Romanen Pearl S. Bucks im Vordergrund. Der Roman wurde von den Kritikern zunächst nur wohlwollend aufgenommen, entwickelte sich aber zu einem weltweiten Bestseller.

Weitere Entwicklung

1932 lebte sie für ein Jahr in den USA und konnte die Wertschätzung durch ihr Publikum genießen. Für den 1931 publizierten Roman „The Good Earth“ wurde sie 1932 mit dem renommierten Pulitzer-Preis ausgezeichnet und es wurden viele öffentliche Auftritte an sie herangetragen. Die Fortsetzung des ersten Bestsellers erschien 1932: „Sons“ und wurde ebenfalls ein großer Publikumserfolg. 1933 folgte „The First Wife and Other Stories“. Pearl S. Buck machte sich mit der amerikanischen Entwicklung vertraut; sie lernte das Ausmaß des Rassismus in den Südstaaten kennen und sprach sich nachdrücklich für Rassenverständigung aus. Zurück in China schrieb sie „A House Divided“.  Nach der Trennung von ihrem Mann, heiratete sie 1935 den Generaldirektor ihres Verlags, John Walsh, zugleich Chefredakteur der Zeitschrift „Asia“, der auch ihre ersten Publikationen ermöglichte. Sie arbeitete mit ihm zusammen im Verlagshaus John Day. Vielfältige Anerkennung wurde ihr zuteil, so erhielt sie 1935 von der American Academy of Arts and Letters die William-Dean-Howell-Medaille, die nur alle fünf Jahre verliehen wurde.

Die Zuerkennung des Nobelpreises für Literatur

Den Literatur-Nobelpreis erhielt sie 1938 einerseits für die Roman-Trilogie, deren ersten Teil der schon ausgezeichnete Roman „The Good Earth“ darstellt; hinzu kamen „Sons“ und „A House Divided“. In der „Good-Earth“-Trilogie konzentriert sich Pearl S. Buck auf die Darstellung des Konflikts zwischen dem alten China und den neu ‚importierten‘ westlichen Werten. Zentral sind dabei das Schicksal und die Rolle der chinesischen Frau.
Die zweite Säule der literarischen Bedeutung bilden für die Akademie die Biografien ihrer Eltern: „The Exile“ (dt. „Die Frau des Missionars“) und „Fighting Angel“ (dt. „Gottesstreiter im fernen Land“), beide 1936 erschienen. Hier erreiche sie „den Gipfel ihrer Charakterisierungs- und Erzählkunst“, so der Sekretär der Schwedischen Akademie Per Hallström in seiner Laudatio. (1)

Zusammenfassend führt Hallström aus, dass die Autorin „für die bedeutenden Werke“ den Nobelpreis erhalte, „mit denen sie den Weg einer tiefen menschlichen Sympathie zu den Völkern abgesteckt hat, die durch ferne Grenzen von uns getrennt sind und für ihr Ringen um die menschlichen Ideale, denen sie ihre so hoch entwickelte und lebendige Erzählkunst widmete.“ Sie habe „eine ferne fremde Welt dem tiefen menschlichen Verständnis und dem Mitgefühl des Abendlands“ erschlossen. (2)

 

Politisch-ethische Gründe für die Nobelpreis-Zuerkennung: Die Verleihung des Nobelpreises an Pearl S. Buck war auch eine politisch motivierte Geste. Im Jahr 1937 fiel Japan in China ein und ein Jahr später erfolgte der „Anschluss“ Österreichs an Nazi-Deutschland und Hitler konnte die sudetendeutschen Gebiete von der Tschechoslowakei abspalten und dem Deutschen Reich einverleiben. Die Schwedische Akademie wählte mit Buck eine Autorin, die mit den europäischen Verwerfungen nichts zu tun hatte, die die Kriterien des unbeirrbaren Idealismus und der hohen Moral, die von Alfred Nobel aufgestellt worden waren, prägnant vertrat. Ihr optimistischer Glaube an das Gute im Menschen und an die Macht der interkulturellen Verständigung war es, den man in der Phase einer sich offenbarenden aggressiven Eroberungs-Politik in ihren Werken schätzte und auf den man das Augenmerk lenken wollte.

 

Ihr Nobel-Vortrag, am 12. Dezember 1938 gehalten, war dem chinesischen Roman gewidmet. „The Chinese Novel“ wurde über die Jahrhunderte hin nie zur Hochkultur gezählt, er war auf keine Ausdrucksmittel festgelegt und war vor allem nicht in der klassischen Hochsprache verfasst. Vielmehr wurde er aus einem großen Vorrat an Geschichten durch das Volk geschrieben und verändert. Der Roman stelle das Leben in seiner Vielfältigkeit dar, so wie es die chinesische Bevölkerung wahrnahm und noch wahrnimmt. Die Autorin präsentierte der westlichen Zuhörerschaft die kaum bekannte chinesische Romantradition und stellte sich selbst in diese Tradition: „And like the Chinese novelist, I have been taught to want to write for these people. If they are reading their magazines by the million, then I want my stories there rather than in magazines read only by a few. For story belongs to the people […] a novelist is a storyteller in a village tent, and by his stories he entices people into his tent. […] He must be satisfied if the common people hear him gladly. At least, so I have been taught in China.” (3)

Reaktionen in Amerika

Die Verleihung des Literatur-Nobelpreises an Pearl S. Buck wurde besonders in den USA kontrovers diskutiert. Je nach literarischer Ausrichtung war man enttäuscht, dass nicht Ernest Hemingway, Theodore Dreiser oder John Don Passos ausgewählt worden war. Es wurde z. T. unterstellt, dass der Bestseller-Autorinnen-Status gewürdigt worden sei, dass die Verkaufszahlen eine Rolle gespielt hätten. Demgegenüber urteilte die renommierte New York Times neutral und unvoreingenommen: „Pearl Buch hat den Nobelpreis erhalten, und sie verdient ihn.“ (4)

Pearl S. Buck unter dem männlichen Pseudonym John Sedges

1945 entschied sich Pearl S. Buck, den Roman „The Townsman“, der in Amerika spielt, unter dem Pseudonym John Sedges zu veröffentlichen. Sie wollte, dass ihre Romane mit amerikanischem Hintergrund unvoreingenommene Anerkennung bekommen sollten und nicht durch die Rezeption der in China spielenden Romans bestimmt würden. Außerdem war sie vom Gender-Vorurteil der Kritik überzeugt: „I chose the name of John Sedges, a simple one, and masculine because men have fewer handicaps in our society than women have, in writing as well as in other professions”. (5) „The Townsman“ erhielt auch bis bekannt wurde, dass sie sich hinter dem Pseudonym verbarg, außerordentlich gute Kritiken. Im 2. John Sedges-Roman „The Angry Wife“ (1947) setzte sie sich sehr kritisch mit dem amerikanischen Rassismus auseinander. Insgesamt erschienen vier Romane unter ihrem männlichen Pseudonym.

Pearl S. Bucks Engagement für Kinder

Ihr ganzes Leben lang waren Kinder für Pearl S. Buck besonders wichtig. Nachdem sie nach der Geburt der Tochter Carol keine weiteren Kinder mehr bekommen konnte, adoptierte sie im Laufe der Jahre sieben Kinder, die sie mit viel Engagement in Vermont auf ihrer Green Hills Farm großzog. In ihren späteren Lebensjahren gründete sie das „Welcome House“, eine Organisation zur Vermittlung amerikanisch-asiatischer Kinder, die damals als nicht vermittelbar galten. Daneben gründete sie die „Pearl S. Buck Foundation“, über die sie u. a. die Aktivitäten zugunsten behinderter Kinder finanzierte. 1950 schrieb sie die Erzählung „The Child Who Never Grew“ (dt. „Geliebtes, unglückliches Kind“), in der sie das Leben mit ihrer behinderten Tochter darstellt und Eltern behinderter Kinder Mut zu machen versucht.

Am 6. März 1973 starb Pearl S. Buck im Alter von 81 Jahren. Von Präsident Nixon wurde sie gewürdigt in ihrer Rolle als „bridge between the civilizations of the East and West“. (6)

 

(1) Verleihungsrede von Per Hallström, gehalten am 10. Dezember 1928, abgedruckt in: Pearl S. Buch: Die Frauen des Hauses Wu. Nobelpreis für Literatur 1928 Vereinigte Staaten von Amerika. Zürich: Coron-Verlag o. J., S. 23.

(2) Ebd., S. 26 und 27.

(3) “Nobel Lecture” vom 12. December 1938: “The Chinese Novel”:  https://www.nobelprize.org/nobel_prizes/ literature/laureates/1938/buck-lecture.html.

(4) Zitiert von Kjell Strömberg: Kleine Geschichte der Zuerkennung des Nobelpreises an Pearl S. Buck. In: Pearl S. Buch: Die Frauen des Hauses Wu. Nobelpreis für Literatur 1928, a.a.O. S. 15.

(5) Zitiert von Peter Conn: Pearl S. Buck. A cultural Biography. Cambridge University Press 1996, S. 288.

(6) Ebd. S. 376.